»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an — so hatten die Einanas noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu sprechen — »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?«
Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin, ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte auf der Erde saß.
Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen; weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten, nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos Poe-Schale.
Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren noch in ihren Augen.
»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie sich dieses Zeichens von Schwäche schäme — »was wollt Ihr von mir? ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti — meine Sonne ist untergegangen und meine Nacht bricht an — Ihr müßt von jetzt an für Euch selber sorgen — Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.«
»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit traurigem, mitleidigem Blick — »hast noch Dein Volk um Dich und den blauen Himmel über Dir —«
»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.
»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und seine Bosheit ist groß.«
Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise:
»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? — sag es mir gleich heraus und leg Dich nicht erst in den Hinterhalt — Du thust mir weh damit.«