»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur —«

»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen — »ich will Dir dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«

»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind katholische — die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl — protestantische Christen. Wir haben jedoch einen Gott und einen Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen unterscheiden wir uns von einander — die protestantischen Priester halten zum Beispiel die schwarze Farbe für unumgänglich nothwendig zu ihrem Ornat — die katholischen nehmen andere. Wir haben auch — und ich glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt — in den Tempeln unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber, gestorben sind — nicht aber als Götter, sondern nur als heilige Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten.

»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als für die Protestanten.«

»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.

»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen Fürsorge stehn — kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen — nicht um sie anzubeten.«

»Und der Weihrauch? — die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.

»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René gutmüthig — »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn, in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«

»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß den Ihr um Geld für Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen Blick von seinen Augen.

René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben — wenigstens seit er die Schule verlassen — noch nicht soviel über die Gebräuche und den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein, daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den schwärzesten Farben geschildert hätten.