»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß den Ihr um Geld für Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte ihre Hand auf seinen Arm.
René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der schlimmsten Seite zu schildern — und schon das allein wäre nicht christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der guten Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich gelebt haben — und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den Priestern eingesetzt, und gehst Du Allem nach, mein Lieb, was die Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst — seien es nun protestantische oder katholische — oder glaubst Du daß Alles, was die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht trauriger bewegter Stimme.
»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert — als den allliebenden Vater denken wir uns ihn ja — sollen wir da glauben daß er dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte, vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? — Nein Sadie — dieser Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein Götzendienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. — War es Dein Pflegevater, Sadie?«
»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd — »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele Mißbräuche duldeten.«
»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt, mein Lieb,« lächelte René — »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch wahrlich nicht entsprungen.«
»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig — »aber auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster, strenger Mann — der kommt des Jahres wohl ein- oder zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier — wir fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist, immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. — Oh er ist gar so finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der falschen Lehre lauschen würde — und Du bist auch Katholik; René?«
»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund gewahrte setzte er rasch hinzu — »aber fürchte nicht für mich, Du treues Herz — ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte, als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt Gram und Kummer machen wolle — »und Vater Osborne sagt ja auch daß Gott so gut — so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine Kinder liebe — würde er dann da so hart und grausam strafen können? — lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu — »ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig Muthwillen hart strafen — vielweniger denn mein eigenes.«