»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein Paradies zum Aufenthalt gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und wolle Euch strafen für den falschen Glauben? — Sieh mein Mädchen,« fuhr er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in’s Auge schaute — »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder, die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln — und auf ihnen wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an Religion — Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht anerkennen, aber sie leben alle glücklich — gleich von Gottes Sonne beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und ihrem bürgerlichen Treiben: — haben sie dann und wann Kriege untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach ihrem Glauben, — ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da hast Du meine Religion — ich glaube jede böse Handlung trägt auch zugleich ihre Strafe in sich selbst — unser Gewissen ist der strengste, unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost dem blauen Himmel da droben in’s Auge schauen. Aber herziges Kind, laß uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. — Mit Allem was die Natur an Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen uns da solche traurige Gedanken quälen.«

»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als in diesem Augenblick — mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der Welt umher — die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer — umsonst — als Jäger in die Felsengebirge Amerikas — umsonst — selbst die See versuchte ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt’ ich vielleicht den Punkt zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt, die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln — oder darüber zu Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie — und ich fühle nun — o mit jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt, Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib — laß uns auf dieser freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der Welt, unsre Heimath gründen. — Tief im Laub dieser Palmen versteckt, von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült, an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir zum Himmel.«

Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ, leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen bittend in’s Angesicht.

Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm — — sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange sinnend vor sich nieder — endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:

»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«

»Nie — nie — Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm entziehend sagte sie leise:

»Willst Du mir etwas versprechen, René?«

»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht lassend, die er noch in der seinen hielt.

»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« — ihre Stimme war so leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte — »mich auch bis dahin nicht wieder küssen willst.«

»Sadie!« —