»Versprich mir das — nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein Heiligenbild zu erblicken glaubte.
»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« — sagte er mit tiefem Gefühl.
Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit — »das ist recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen und sich haschen — sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen« — setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund — Mitonare steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,« lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen — wir sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war — er hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde Wi—wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und wann wiederkehrende Wort Mitonare rief ihm seinen kleinen freundlichen Wirth in’s Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die, rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi—wi den er je gesehn habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit — wie sie’s hier gehalten und getrieben hätten — natürlich damals, wie er nie vergaß hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. — Auch auf religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war, obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das wichtigste Dokument seines Lebens — ein Diplom was ihm von der Missionsgesellschaft in O-no — wahrscheinlich London — ausgestellt war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.