Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René’s Auge darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles darin verborgen sei.

Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf ruhte — und dann kam die ganze Geschichte heraus.

Mitonare war in früherer Zeit — als er noch im blinden entsetzlichen Heidenthum gelebt — ein vortrefflicher und in der That der Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte — denn »bodder Au-e« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten — aber doch gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. —

Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch, als sie zu ihnen in die Thür trat. — Doch es war nicht dieselbe Sadie von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter geworden zu sein.

Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen, als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend neben einander her. Das verlor sich aber bald, René’s leichter Sinn ließ ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt, verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. — Sie scherzte und lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch mit einer Masse Fruchtbäumen, wie tappotappos, Kaffee, Zuckerrohr, Bananen und anderen bepflanzt war.

Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird, und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.

René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete. Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr Lieblingsaufenthalt waren.

»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen, feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen zwischen sich ließen, oder umgaben.

Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen, gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte, auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf’s Neue beginnend.

René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht — »nur noch kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen. René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker, das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete, still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl eine halbe Minute schweigend nieder.