Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige Fasern aufschickte.

Aber die Blume lebte — hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei — das dunkle Canoe das mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch mistrauisch — aber nicht lange mehr — sie verschwanden wieder, und gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in Schaaren und Massen — alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.

»Eita, eita!« rief da Sadie — »iti iti iti« — und zu gleicher Zeit warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend, ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.

Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts, dessen Feinde zurückgekehrt. — Zwei große dunkelbraune Fische, mit breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren Schlupfwinkeln.

Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein leichtsinniges Fischchen hinaus in’s Freie, gerade als ob es das Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.

So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben führen könnten — wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren Zeiten fremd gewesen.

René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.

Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf herumzugehen. — Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an; nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch als gewöhnlich, in’s Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er lange aufgegeben, der Name Pu-de-ni-a der aber mehrfach vorkam, ließ ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte, hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes aita aita dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden würde.

»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut tahitisch sein konnten — »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar nicht als ob Fremder Ferani wäre und an keinen Gott glaubte — und weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. Tane tane Atiu sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe, und was thut Ferani? — geht hin und macht kleines Mädchen von Mitonare unglücklich — schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor — aber Pu-de-ni-a ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf Tahiti. — Ferani kann Mädchen genug bekommen — puh — so viel, aber nicht Pu-de-ni-a. Ferani geht nachher weg und Pu-de-ni-a sitzt — gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare O-no-so-no weint weil er Pu-de-ni-a weinen sieht. Ferani sollte sich etwas schämen und wenn Ferani auch kein Christ wäre, könnte er doch darum immer thun was recht wäre — sie wären auch früher keine Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet — aber darum hätten sie doch thun können was recht wäre — und es auch gethan, wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«

Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen lag.