Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen Mr. Osborne den dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung des jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker lichten würde.

So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.

Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.

»Ist es Dein Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu schauen.

»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen — »ich kann das Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit hier aufhalten würden« — setzte er leiser, und fast wie mit sich selber redend, hinzu.

Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der Delaware und gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit einem furchtbaren Schlage zu vernichten.

Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam — zu entsetzlich grausam gewesen.

Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast freudig:

»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht — ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier — lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich leben René.«

Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.