»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann — »ein Canoe könnte jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig mit sich führen sollen — oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.«

»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen — »glaube auch nicht daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns — die Männer wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus — sieh das Schiff umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein Boot wieder an’s Ufer schicken, wo es Dich damals landete — wir wollen indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und dann rasch und entschlossen handeln — es ist ja nicht das erste Mal daß Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar nicht kanntest — wolltest Du jetzt zurückbleiben?«

René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere Umschweife:

»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir müssen jetzt handeln Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen, so lange ich es noch verhindern kann — aber Zeit dürfen wir auch nicht mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen — sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen — sie haben aber auch keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand verrathen kann, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz ausersehn.«

»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie — »oben in den niedern Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die mein Bruder und ich in’s besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben — den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die Stelle im Dunkeln finden.«

»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber, wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das Ihiamoea Prudentia — jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott Oro geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der fua oder König, Jeremias Aitaua (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin magst Du René führen. — Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«

»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.

»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis — »es ist auch weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«

»Lieber, väterlicher Freund —« sagte der junge Mann gerührt, und streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas erzwungenen Lächeln:

»Keinen Abschied, René — das Ihiamoea liegt nicht am andern Ende der Welt, daß wir —«