»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der Henker, wir brauchen sie auch nicht — munter meine Jungen, munter — denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an Bord, ohne alle Officiere.«
Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.
Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt, ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen; aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner Rettung entdeckt würde — erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.
Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.
»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um das Haus hinum.
Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand an der Befreiung desselben arbeite. Wer, konnte er natürlich nicht erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.
René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.
Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die Knie und trennte auch dieses.
»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s Ohren wie himmlische Sphärenmusik klang — »Muth René und jetzt fort,« — und sich aufrichtend rief er laut:
»All right!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der Scheide — er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.