Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen Inseln.
Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La Place ging noch weiter und verlangte und erhielt — denn wie hätten sich ihm die Tahitier widersetzen können — volle Religionsfreiheit für alle Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche.
Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten, gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten.
Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht, harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.
Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout, der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die Inseln zu bringen suchte.
Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842, als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden Admiral Du Petit Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte.
Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von 10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill, oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von Frankreich erzwungen und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche, verbannt werden solle von den Inseln.«
In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln entzogen werden sollte.
Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie, jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln« mit einem gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.
So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte« zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn — was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.