Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre Kelche dem sonnigen Licht entgegen.

Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu jeder Stunde — ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können, sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden — bis es sank.

Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.

Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages, denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufenthalt der Qual.

In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten.

Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit dem pareu, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O] umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus, das seinen Strand bespühlte.

Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.

Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut — näher und näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf ihm haftete.

Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief, sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen Blüthen bunt durchwebt.

»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog — »Joranna Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor Dich hin, als ob Du« — es zuckte spöttisch um seinen Mund — »plötzlich ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« —