Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
»Zu spät — zu spät! — ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte — sie stehen zu fest, während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie sie dann sagten. — Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen den geistlichen Stolz.«
»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei — »wir sind zu schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden schwer werden das zu rächen, was sie jetzt mit leichter Mühe verhindern können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten Contrakt mit Füßen tritt?«
»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. — »Mit ein paar Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott — keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste abzuwenden.«
»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst — »unsere Aufgabe ist dem Land die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand — wir wollen es aus keiner fremden. — So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen — »ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. — Ich kenne meine Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den Grillen — unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und Hölle? — Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man lacht darüber wenn man sie hört — tödten sie doch die Zeit« — und den Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das Haus.
Fußnoten:
[J] Wilde Pisang.
[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (spondias dulcis) hat mit den stärksten Stamm auf den Inseln — oft bis 4 und 5 Fuß im Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.