»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben mir« — fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem Thema fort — »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges Herz nur und einfacher Sinn —«
»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die Herrlichkeit — schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes — aber —«
»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und rasch ein — und Amen riefen die Umstehenden, Amen hallte es, wie dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann hingen wie er zu seinem Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander — der Geistliche konnte nicht weiter beten.
Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte, das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron Otu’s. — Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß wenn heute doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist erzeugen.«
»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen, vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.