Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu heiß geworden war, und der doch auch kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergnügen gethan haben würde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren französischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte, daß er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen entzog. Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Engländer oder Amerikaner einen Verräther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder auch möglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst entschieden und das tahitische Volk selber vollständig unterworfen gewesen wäre.
Mit dieser Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena, wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schützen, die man jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mußte, während sich das Rücktheil der kleinen Veste an den steilen Hügel selber lehnte und die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten gegen eine gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber schützte ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollständig gegen einen Bayonnetangriff, und Boten waren indeß schon nach allen Richtungen abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stämme herbei zu ziehen und hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.
Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gönnen, weil sie schon des bösen Beispiels wegen suchen mußten die Eingeborenen von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, daß sie sich überhaupt einem ihrer ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen könnten. Die Scharte von Tairabu mußte sobald als möglich wieder ausgewetzt werden.
Am frühen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber eröffneten beide Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die Empörer sollte mit einem Mal geführt und alle die Frevler vernichtet oder zerstreut werden.
Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge geflüchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge kräftige Weiber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen Plateau kauerten sie über den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl für die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde herab und lüfteten die über saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten Blätter, zu sehn ob sie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer saßen dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für sich einen etwas erhöhten Platz gewählt hatten, so war es der Neger Pompey, dem die Frauen und Mädchen, vielleicht seiner brillant schwarz glänzenden Farbe wegen, die besten Stücke aussuchten und zuerst die Cocosnuß zum Trinken reichten. »Pompey« ließ sich das auch ganz ruhig, und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewöhnt ist, gefallen, und that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern selber lachte und Geschichten erzählte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann, in einem förmlichen Paroxismus von Fröhlichkeit, warf er sich nicht selten hintenüber, zwei Reihen der glänzendsten Zähne dabei zeigend, und die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.
Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der ehrwürdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht gut wissend daß die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die meisten saßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm, andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der Länge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen nachbrummend, während noch Andere emsig dabei beschäftigt waren ihr indeß gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu fördern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und zu gleicher Zeit der körperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben, verzehrten.
Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette, Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere, Cavallerie- und Infanteriesäbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende Mädchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kümmernd, vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewürfelt lag und stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl über das Ganze habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmäßig aufgesetzten Pandanus oder Bananenblatt-Dächern, machte auch das ganze Lager weit eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier zur Mittagszeit eine kurze Rast gegönnt und in der nächsten Stunde wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und Widerstand zu leisten.
Und diese Waffen – rostige Musketen und hölzerne Speere, Keulen und Beile, die sich dem furchtbaren Geschütz der Feinde entgegenstellen sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den Erdwällen und kauerten oder standen die halbnackten Männer daneben, ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen der Feinde anrücken und ihre donnernden Geschütze die Todesboten in die kleine Veste schmettern würden. Und hatten sie keine Ahnung der furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? – noch war es Zeit, noch konnten sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen, wohin ihnen der schwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die Unglücklichen zu Buße und Reue »in der elften Stunde.« Die offene Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt, stand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiser zu dem Thron des Höchsten.
Horch – ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers – die Betenden wandten den Kopf halb danach um – fürchten sie den anrückenden Feind? – Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der den Ton begleitet –
»Horch!« schrie eine jauchzende Mädchenstimme, fortwerfend was sie gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem Feind bedroht, selbst die Nähe des sonst so gefürchteten Missionairs nicht achtend.