»Ich danke Ihnen« sagte der junge Mann leise – »wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir – den anderen Cours liegen – es ist so bald Abend.«
»Wie Sie wollen, Delavigne – bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. – Monsieur Roland« wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war – »wir wollen die Marssegel lösen – lassen Sie dann Süd Süd Ost anliegen.«
»Zu Befehl, Monsieur.«
Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu lösen und die Segel auszuschütteln, und gleich darauf stiegen die Raaen unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebraßt und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen angekämpft, flog, von den nachpressenden noch gedrängt und geschoben, pfeilgeschwind über die rauschenden, zischenden, schäumenden, stürzenden Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade hinter sich lassend.
Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden Nacht. René stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen Schiffes, hinter dem die spritzenden schäumenden Wogen dreinstürmten, die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in düsterer Ferne verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese Erde zum Paradies geschaffen – Alles – Alles, und das, ein Punkt, am Horizont verschwand.
»Arme Sadie« hauchte er leise, und mit der Gewißheit des Verlustes empfand er erst – zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig seiner harrend mit dem Kind – dem süßen, lieben herzigen Kind auf jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch füllten Thränen, heiße brennende Thränen der Reue seine Augen.
Und drüben am Horizonte verschwand indeß das Land – noch ein dünner Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum, wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres selber – und jetzt – das Auge fand ihn nicht mehr – Joranna – Joranna hauchten die Lippen und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in seiner Hand.
Capitel 8.
Schluß.
Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich wachsenden, ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff kaltblütig und unerschrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch so viel Jahre länger unentschieden geblieben, hätte ihnen nicht Verrath die Schluchten der Berge geöffnet.
Durch die Missionaire fortwährend in der thörichten Hoffnung gehalten, daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzester Frist Hülfe schicken würde, zerstörte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und aufrichtig erklärte, so viel er wisse beabsichtige die Englische Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen, und sie möchten sich deshalb nicht falschen, betrügerischen Hoffnungen hingeben, die sie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten treiben müßten.