Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der hier überall auszweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten sich indessen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer gesammelt, den ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und René harrte mit ängstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land – der ihn unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden. Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.
Jetzt stieß ein Canoe vom Strand – zwei alte Insulaner saßen darin, und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf sie zu und legte sich langseits.
»Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen, »Joranna bo-y – komm an Land Fremder, komm an Land – wir haben Cocosnüsse für Dich und Brodfrucht – komm an Land!«
Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt – er kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen und von seiner Brodfrucht gegessen – und ihn kannte keiner. Und hatte er sich denn gar so sehr verändert, und Zeit und Gram sein Antlitz so entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten? es war das ein wehes, schmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden Verderbens auf seiner Seele lastete.
Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinüber, die Ruder fielen ein und wenige Minuten später raschelten die Korallen unter seinen Füßen.
»Und Sadie?« – der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte nicht ihn auszusprechen, und unwillkürlich suchte der scheue Blick unter den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch fast gefürchteten Züge der Geliebten. »Sadie«, oh wie das Wort ihm durch die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren Schauplatz der Boden hier gewesen.
»Er versteht unsere Sprache nicht« sagten die Insulaner dabei unter einander – »er weiß nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare rufen.« Und ein paar sprangen dem Hause zu, während Andere seine Hände ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen Worten, begreiflich zu machen suchten, daß in dem Haus da drüben ein Europäer wohne, der sich freuen würde ihn zu sehn.
Mitonare – was für freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele rief, und unwillkürlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieser ahnte in dem ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig hinein in's Leben stürmte.
»Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwürdiger Herr« sagte René mit leiser Stimme, als ob er schon fürchte sich nur im Klang der Worte zu verrathen – »lebt hier noch – wohnt noch auf Atiu –?« – Wieder stockte er – er brachte den Namen nicht über seine Lippen.
»Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's Auge sehend.