»Nicht wahr?« sagte René mit dumpfer düsterer Stimme, »ich bin nicht jünger geworden in den neun Jahren.«
»Komm, komm!« rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend – »wir Alle nicht – unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau – nur die Erinnerung ist noch frisch und jung;« und den, ihr jetzt willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad hinführend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der hier erst später entstanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens Lieblingsplätzchen lag.
»Du hast Wort gehalten« sagte sie dabei, still und unheimlich in sich hinein lachend – »Du bist uns gefolgt – Du bist gekommen – Sadie hat es immer behauptet.«
»Bst – bst – jetzt noch nicht« flüsterte die Frau – »Du hast wirklich Atiu nicht ganz vergessen, und bist wiedergekommen – nur ein wenig spät – ein wenig zu spät; und Dein Haar ist so dünn und grau geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit« fuhr sie, plötzlich stehn bleibend und einen Schritt von ihm zurücktretend fort, »und was für Furchen Dir das böse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. – Hm, hm, hm« setzte sie kopfschüttelnd hinzu – »das war doch eine trübe Zeit für Alle – und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?«
»Zu spät, Aia?« rief René mit zitternder Stimme – »sagtest Du zu spät?«
»Bst, bst« wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran – »kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen Jahre nicht um sie bekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.«
Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan sprang sie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis sie plötzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat. Aber René folgte ihr nur langsam nach; – jeder Schritt, jeder Fußbreit hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt, lag der Pfad hier, wo der Hügelhang selbst begann und die sorgende Hand verrieth, die ihn gehalten. Und war das seinet willen etwa geschehn? – Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich höher geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschloß gegen der Menschen Blick von unten her, und jetzt – heiliger Gott – Sadie – ein jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung, zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend, auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib – dort stand Sadie so schön und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die Perlenzähne dahinter zu verrathen. –
»Sadie!« rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu glauben wagte, vor seinem äußeren Blick doch gleich zusammenschwinden mußte – »Sadie, Du arme – verrathene Sadie!« – und was der Schmerz jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er angekämpft mit all seinem hartnäckig männlichen Trotz, das brach der eine Augenblick – das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie der wild erregte Strom an seinem Damme wühlt und leckt und wäscht, und unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drängt, und in seinem Sturz die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch gehalten, den furchtbaren, so drängte sich jetzt seiner Thränen so lang und krampfhaft gedämmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie, hinaus aus den brennenden Augenhöhlen – »Sadie« und die Stirn in den kühlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er laut.
»Was fehlt dem fremden Mann? – ist er krank? und woher kennt er meinen Namen?« frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglückliche empor und schaute, in krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm stand.