Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht, vernichtet am Boden liegen sah, und während auch über ihre abgehärmten Züge die klaren schweren Thränen nieder tropften, sagte sie leise und mit unendlicher Weiche im Ton:

»Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi – die liegt unter Dir in dem kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmückte Hügel vor Dir deckt das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und kalt und rücksichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. – Kennst Du Dein Kind nicht mehr?«

»Mein Kind? – Sadie?« rief René, vom Boden aufspringend und die Arme nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend – »Sadie – mein armes, armes Kind.«

»Ist das mein Vater, Aia?« frug da mit schüchterner Stimme das holde Kind – »der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und für den ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hinter der Hügelspitze sank?«

Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr Köpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, während er sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich preßte und ihre Stirn mit heißen Küssen bedeckte, sagte leise:

»Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben, und Mutter hatte Dich so lieb.«

»Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz« flehte der sonst so starke Mann, den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte – »mein liebes – liebes Kind.«

»Komm – fort von hier!« rief aber jetzt Aia, die es nicht länger ertragen konnte, seinen Arm ergreifend – »komm, Ihr quält Euch und mich und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi, zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, daß wir uns Alle fassen und vernünftig werden – mir hat's die Adern bald aus der Stirn gebrannt.«

Und seine Hand nicht lassend, während das junge Mädchen, von dem Arm des Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten sie langsam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonares – wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen ankämpfen nannten – nieder.

Mitonare saß vor seiner Thür, noch behäbiger und runder aussehend vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüften geschlagen, und mit einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf – dem einzigen, das er von der fremden Mode beibehalten – trug er den Oberkörper nackt, auf dem die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen scharf und deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgültig hatte er auch wohl bis jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als sein Blick auf die ihm verhaßte Europäische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend und überrascht aufschaute über solch ungewohnten und auch wohl unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit des Ganzen.