Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich – die Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen würde, und ob sie es überhaupt wagen würden die Eingebornen in ihrer festen Stellung anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort versammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet, führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit, und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben diese unscheinbaren Waffen selbst in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen ernstlich jede Art solcher »heidnischer« Waffenspiele untersagt gehabt, weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und sie Alles zu vermeiden suchten, was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder – früher eine ihrer gefährlichsten Waffen – tüchtig geübt gehalten, hatten sich nie dem Einfluß der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre feste Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten Angriff.
Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewöhnlich all ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt die Vergessenheit derselben.
Schmetternder Trompetenschall tönte herauf; von den Schiffen drüben blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's Neue ein eiserner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veste, von wo sie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beantwortet wurde.
»Dort kommen sie, meine Burschen!« schrie da Pompey, der an der einen Flanke, seiner riesigen Kräfte und vielleicht auch seiner schwarzen Farbe wegen, mit einem Anführerposten betraut war – »da kommen sie, nun hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Büschen heraustreten und vollkommen draußen im Freien sind – keinen Schuß eher, und keinen Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen könnt – verdamme die hölzernen Dinger« murmelte er dann leise vor sich hin – »s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern wirft.«
»Für die Bibel! für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite, wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrückt hielt, indeß er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte – »für die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!«
Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah nach seiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meisten der Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brünstigen Gebet auf den Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides zu erflehen, »wenn das noch eben irgend möglich sei, und mit seinen himmlischen Rathschlüssen übereinstimme.«
Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstücke aufgepflanzt, die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureißen und einige leichte Verwundungen der nächst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.
Jetzt aber rückten auch in geschlossenen Colonnen die Verstärkungen von Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüsse hinübergefeuert, die Eingeborenen zu schrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.
Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darübergehaltenen Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelästigt die Stürmenden vor allen Dingen beobachten zu können, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl, denen er schon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das rasche Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den steilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine Büchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei unterstützt, eine wirkungsvolle Salve in die anstürmenden Feinde gab, die vor solch unerwartetem Gruß allerdings einen Augenblick stutzten und zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen, sondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen sich die Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.
Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil der Europäer in seiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit wohlgezielten Schüssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und nachdrängend in keckem Muth, warfen sie sich tollkühn gegen die Schanzen an.