Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch schwachen Aeste überall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend, der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die ersten der Stürmer zwischen dem zähen überall auszweigenden Holz und die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter Mühe förmlich vertheidigungslose Opfer.

Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen – hie und da hatte ein Trupp tollkühner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefaßt auf dem Erddamm, von dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die weiter unten aufgestellten Feldstücke alle die Plätze zu bestreichen, wo kein französisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel selber einschlugen.

Wilder und tödtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen, in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert, und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung wie der Indianer, vielleicht mit dafür desto günstigerem Erfolg, denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die Franzosen irgend festen Fuß zu fassen drohten. Er wußte genau für was er kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die »Fremden« einen solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen könnten. Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als möglich auf dem Wall zu zeigen, während er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefährlichsten Feind und Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unschädlich machen könne.

Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt, denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten angeführt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck erschossen, den andern tödtlich verwundet, daß er fortgetragen werden mußte.

Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten, Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit kaltblütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die kürzeste Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer Palmen lägen.

Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien, Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind sich nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz unmöglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm den Eingeborenen günstig, denn die Franzosen konnten von ihrer Schießwaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die leichten Wurfspeere tödtlich wirkten und die sicher geschleuderten Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders, immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu treiben.

Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe focht mit einer kleinen und schon tüchtig zusammengeschmolzenen Schaar der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend, aber unbekümmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.

Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen gewesen, denn während sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften, mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im Voraus die genaue Stelle wo der nächste Angriff geschehen sollte, und zogen sie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen. Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen hatten, einen Scheinangriff zu blasen, während sie dann zu gleicher Zeit auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glücklich und unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten geführt, die eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten Angriff zu begegnen.

Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick mistrauisch den etwas zu ungewöhnlich lauten und herausfordernden Tönen gelauscht, und rasch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der Verschanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein Schuß fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab, auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen. Er brauchte ihnen aber seine Gründe nicht auseinanderzusetzen, denn in demselben Augenblick fast hörten sie den raschen regelmäßigen Schritt einer stürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte.

»Wehrt Euch!« rief Teraitane »und Feuer! sobald Ihr sie sehen könnt!« und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und Adolphe geführten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die Guiavenbüsche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem gefällten Bayonnette zurückhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu bekommen für sich und die Nachfolger, und drangen dann, während die hinten Stehenden so rasch als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.