Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt – dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn, wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.
René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen, denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.
Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von Tahiti schmerzte ihn desto weniger.
Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise einzuholen.
Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem Hauptschauplatz zu entfernen.
Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand nicht das Mindeste mehr im Weg.
»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«
»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte, freigesprochen?« frug René.
»Lieber Delavigne, ich habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen, hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«