Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den Gefangenen zurückzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.
»Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt« sagte er finster, »oder wenn Ihr glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen. Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu schicken.«
»Du stehst mir für sein Leben!« rief da Bertrand rasch zuspringend, in der Absicht den Häuptling als Geisel für den Freund, unter dem Lager der Insulaner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden Läufe der Musketen fest und zürnend auf ihn gerichtet. Bertrand riß unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der Häuptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:
»Ruhe heute am Sabbath! – ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun – weniger vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal in ihrer Sabbathfeier zu stören. Gehe zurück – Du siehst, Du bist nicht im Stande Deinen bösen Vorsatz auszuführen, gehe zurück und schicke morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen beschließen werden.«
Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch aufmerksam und mistrauisch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde, schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während sich Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut einsehend daß er durch weiteres Vordringen René und sich nur schaden aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder, wandte.
René hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte. Daß ihn übrigens der Bursche keines Blickes würdigte, als er an ihm vorüber ging, beruhigte ihn wenigstens über dessen Gesinnung gegen sich selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der Gefangene gleichgültig gewesen wäre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm gewechselt hätte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wäre, vor den Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber hätte, meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung gegenseitigen Verständnisses führen und sie mistrauisch machen können, während er dagegen, durch ein völliges Ignoriren des Fremden, Raum zu keinem derartigen Verdacht geben konnte.
Daß der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? – was konnten sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen er sonst auf einem ganz friedlichen Fuß gestanden? Alle die Fragen gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig lange gleichgültige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott in seinem Unmuth und machte ihn die Zähne fest auf einander beißen, bittere Zornesworte zurück zu halten.
Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestörten Fortgang; dem Singen folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen wurde, schieden sich die Zuhörer in ihre verschiedenen Gruppen oder Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte, ihre Mahlzeit zu halten, und sich für neue Bet-Uebungen auf den Nachmittag vorzubereiten.
Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm – sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und saß nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitästigen stehengelassenen Orangenbusches, und ließ den Blick oft lange und ernst auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wächter daß er das nicht dürfe – er sei hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerstand gegen die Uebermacht geholfen – der konnte seine Lage nur verschlimmern.
Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häuptling Utami zu sprechen, den er gesehen hatte und mit dem er früher schon manches freundliche Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wächtern sagte, Wichtiges mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: »es sei Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntäglichen Feier befassen – er müsse bis morgen warten.«