»Bis morgen warten – Tod und Teufel!« die Ungeduld hätte ihn verzehren mögen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen, die Bet- und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm, war, daß ihm etwas kalte geröstete Brodfrucht und eine Cocosnuß gebracht wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie Stunden an seiner Seele vorüber. So wurde es Nacht – das südliche Kreuz über ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um seine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der inneren Aufregung vielleicht, schüttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.

Endlich brach der Morgen an – im Osten zeigte sich ein heller Schein der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der Uranie, der selbst bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entstiegene Sonne.

Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thätig gewesen; ihre Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.

»Utami will Dich haben« kündete da endlich ein junger Bursch dem Gefangenen den Willen des Häuptlings – »komm mit mir!« und voranschreitend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Insulaner hin, deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf ihn, und René, ärgerlich über den Hochmuth der »rothhäutigen Schufte« wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschränkten Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin – hie und da einen auf ihn gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend. Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben daß sie ihn einschüchtern konnten.

Der alte Häuptling saß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die übrigen Häupter und Aeltesten des Lagers, während sich die Eingeborenen, obgleich in Gehörweite, doch in anständiger und ehrerbietiger Ferne von den Richtern hielten, die über den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen sollten.

René schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch über den Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der sich die Frauen und Mädchen in dicht gedrängter Masse neugierig hielten, mit einem flüchtigen Blick überfliegend sagte er lächelnd:

»Nun, was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht sitzt wie über einen Missethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden liegen lassen? – Ist das Euere gerühmte Gastlichkeit? – Ich wäre heute selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch seine Vorschläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Busch in die Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?«

Ein leises Murmeln des Erstaunens über die kecke Rede lief durch die Versammlung, und die meisten der Häuptlinge, besonders Aonui, Potowai und andere schüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüsterten mit einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Haß im Ton.

»Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher beschieden – sei aufrichtig, es ist das Beste für Dich.«

»Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten« entgegnete René kurz.