»Nicht ich, Utami« rief René aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch – »nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und hätte meine Stimme ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen Inselreichs zu stören. Aber zu spät kommt solch ein frommer Wunsch« setzte er ruhiger hinzu – »die Gier der Fremden, wie Euer eigener Unfriede – der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in Hand gegangen, dem Fremden das Recht, das scheinbare Recht wenigstens zu geben, auf das er jetzt sich stützt und das er mit dem Uebergewicht seiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert werden – nur die Möglichkeit ist noch da weitere Kämpfe zu vermeiden, die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend über Euere Familien bringen müssen, und das zu vermitteln wäre ich gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den Frieden zu bieten von seiner Hand.«

»Was braucht er Frieden zu bieten« rief Teraitane finster – »er soll unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind wir es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?«

»Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts« sagte René ruhig – »der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Besitz von den Inseln ergriffen, und nur jene lügnerischen Versprechungen, die Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch zu dem verzweifeltsten aller Entschlüsse treiben, Euch dem Mächtigeren zu widersetzen. So nehmt Vernunft an – bleibt thatsächlich im Besitz Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt dann nicht daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch geschützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.«

»Wir kämpfen nicht für unseren Glauben!« rief jetzt Utami zornig und die Hand geballt – »wir kämpfen für unser Land, für unsere Heimath. Der Glaube liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er sich das eigene Herz. Wir wollen für uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt Ihr sagen »wir wollen Euer Land – Euere Brodfruchtbäume, Euere Palmen, Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere Häuser, Euere Frauen – Euere Männer sollen für uns arbeiten und wir wollen ihre Herren sein.« Was Glauben – wenn Euer Gott die Macht besäße uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Priester zuerst gekommen wären uns ihren Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spät. Macht die wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen – ruft die wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen, todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Fürsten hingen, und dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen Unheils zu verhindern; jetzt nicht.«

»Die Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn sein Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert sind, die mit halfen unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.«

»Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig – »er hat Menschen ermordet und beraubt – wollt Ihr mich mit einem solchen gleich stellen?«

»Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet« rief Aonui heftig – »und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben – selbst unsere Bibel – das Heil unserer Seelen.«

»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte auch Teraitane – »jeden Gefangenen tauschen wir ein, Mann um Mann – für jeden Bruder den sie uns erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück – und ehe wir die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie uns.«

»Peste!« rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße stampfend – »was hab ich mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen Landsleuten nicht gutwillig Euer Land – ich könnte fast sagen das unsrige, überlassen wollt – und verdenken mag ich's Euch nicht, was kümmert das mich? Ich gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr, meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber, so finster er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im Verdacht hatten, mit Euch gegen sie mich verschworen zu haben, und mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwürdige Herr da ist mein Freund gerade nicht, aber er wird eine Thatsache für mich bestätigen müssen

Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Häuptlingen näher getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth, für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen Zurückweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet, ja gewissermaßen zum Zeugen für ihn angerufen, hatte er ein volles, und wahrscheinlich längst erwünschtes Recht zum Reden bekommen und sagte rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer: