»Der Ferani hätte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der günstiger für ihn sprechen könnte als ich.«

»Sie können nicht leugnen daß Sie bei unserem Abschied zugegen waren« rief René mit blitzenden Augen.

»Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt« – sagte der Geistliche ausweichend. »Ich weiß nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen Inseln sein Leben zu beschließen – Gott allein prüfet das Herz und die Nieren – aber ich weiß daß er sie nie hätte betreten sollen und daß die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Thränen bis jetzt geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammniß.«

»Sie wissen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!« rief René.

»Ich weiß Nichts« sagte Mr. Rowe finster mit dem Kopf schüttelnd, »als daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen – ich habe all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben, wie es einem Christen geziemt – ich begreife nur nicht wie ein Bürger des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp seiner »Landsleute« wenn er ein Bürger des Landes war, überfiel, zwei tödtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte – ich sage ich weiß das nicht« setzte er rasch hinzu, als er sah daß ihm René darauf entgegnen wollte, »kümmere mich auch nicht um die weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge und Richter des Landes.« Und langsam sich abwendend schritt er der kleinen, für ihn besonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren Thürmatte er verschwand.

René wollte in der That anfänglich, und in heftigen Worten darauf erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, sah er dem frommen Mann mit einem finstern verächtlichen Lächeln nach und schien jetzt kein Wort weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.

Die Häuptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit einander, waren aber noch zu keinem Beschluß gekommen, als ein Läufer von draußen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden Häuptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Französischer Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager beabsichtigten.

Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünschten, beschloß man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest entschlossen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauschen, von deren beabsichtigten Flucht sie natürlich Nichts wußten, und von denen sie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußersten entschlossen, nicht fürchteten.

Capitel 4.
Die Flucht.

René befand sich übrigens durch solchen Entschluß der Insulaner in einer höchst gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hülfe entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Küste auf eine Gelegenheit zu entkommen paßte, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestärkten Insulaner nicht doch am Ende hinreißen lassen ihre Drohung wahr zu machen? – von Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu fürchten, so viel wußte er recht gut, und er verdachte es dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch ergriffen hätte.