Flucht wäre das einzige Mittel gewesen und die war unausführbar, denn den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an verschiedenen Stellen besetzt, während andere Schleichwege durch den Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände aufgehalten, die es ihm Tage gekostet hätte zu umgehn, und wie leicht war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder eingeholt.

Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten Gesandten – von dem erwarteten Angriff wußte er noch Nichts – schlug deren Botschaft fehl dann – doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? – Ob sie ihn nur einschüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen, was lag daran? – sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden, und mußte es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen als je –

Als je? – ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz; – als je? In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm so lieb – so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tückisches Geschick ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was er erhofft in seinen schönsten, kühnsten Träumen – den Gipfel seiner Wünsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn umgab – und jetzt? – Was war es, das ihn jetzt gleichgültig machte gegen den Tod? was war geschehn – verloren daß er sich der tödtlichen Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? – und Sadie? – Er barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt – nicht jetzt sollten sie nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem Pfeil – Sadie – wie ein Traum lag die Zeit, die schöne Zeit hinter ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der Tod? – sollte ihn davon trennen? – Nein, nein fort mit dem verführerischen Bild das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte – er war nicht schuldig – rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. – Hinweg mit allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die sich ihm leise in's Auge stehlen wollte – er war nicht schuldig – und weshalb wünschte er sich da den Tod?

Schüsse knallten und Trompeten schmetterten – hoch empor aus seinen Träumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken der Vergangenheit gelebt, daß er erschrak als er aufsah und die bewaffneten Wächter neben sich erkannte.

Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Häuptling, und grimmigste Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf den Inseln hatten, und das tückische Blitzen seines Auges verrieth was in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit einem ernsten, aber ziemlich gleichgültigen Gesicht, hielt sich Raiteo, der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszuführen. Aonui galt als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bösem.

»Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien« sagte er finster, »aber sie werden zu spät den Hügel erreichen – wir hatten ihnen die Möglichkeit Deiner Auslieferung gestellt – sie haben sie verworfen und wollen uns jetzt mit frechen Drohungen einschüchtern – wende Deine Seele noch zu Gott, denn Dir sind die Minuten zugezählt.«

Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches Blinken schien ihn ängstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu stören. Aonui sah daß sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige gleichgültig kalte Antlitz seines Begleiters und René, jetzt fest überzeugt daß er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte finster doch leidenschaftslos:

»Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten könnt, aber bedenkt daß Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht mehr der freundlose Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch – die Regierung eines mächtigen Staates hält ihre Hand schützend über mich, und wehe Euch, wenn Ihr die mächtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schütztet und vertheidigtet Ihr nur Euer Land – Ihr hattet recht – entweiht die gute Sache nicht durch Mord!«

»Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, sondern Dich zu richten« sagte der Häuptling finster und mürrisch, und horchte einen Moment dem jetzt wieder beginnenden Schießen, das, der Richtung nach, den aufgestellten und an verschiedenen Plätzen stationirten Vorposten galt, auch näher und näher kam. »Bete zu Deinem Gott« sagte er dann, sich wieder zu dem Gefangenen wendend, »denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.«

»Beten« – rief René – unwillig mit dem Fuße stampfend – »beten – Nichts als beten; – den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt dabei an Haß und Mord – beten