»Du willst nicht beten?« sagte Aonui rasch.
René sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:
»Wie lange Zeit ist mir noch gewährt?«
»Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen« erwiederte der fanatische Häuptling – »die Schläge Deines Herzens sind gezählt.«
»Es ist gut« erwiederte René aber seine Hände waren frei, und nicht gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte.
»Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?« sagte jetzt Raiteo leise zu dem Häuptling gewandt – »die Feranis beten nie im Freien.«
Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm ergreifend sagte laut:
»Komm Wi Wi – Du sollst nicht sagen daß wir Dich gezwungen haben Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist – komm« flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu, während seine Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten Befehl bekamen, ihm zögernd, und rasch und leise mit einander redend, folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen Platzes, die Bayonnette gefällt, ihren Posten wieder einnahmen.
Wilder Lärm tobte indessen im Lager – die Franzosen hatten die Vorposten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, über den Damm hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen Seiten fast schmetternden Trompeten, die überall den Feind vermuthen ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu führen, kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt, das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein die Besatzung und schüchterten sie ein, da sie den Feind viel stärker vermuthen mußten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der jetzt überall hin vertheilten Besatzung zu befürchten, und konnten eher dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr begünstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rückzug in die dicht bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden sie doch aus der zu großen Nähe von Papetee, auf das sie von hier aus immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben, und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder gedrückt.
Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu thun die Insulaner für etwas zu züchtigen, dessen Recht er ihnen unter keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nämlich zu halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen mußten den Kampf entscheiden.