Um René wäre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher auf Hülfe hätte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte ihn nicht schützen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie wandte – wie er nicht anders glauben konnte – verdiente härtere Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit Füßen, der andere auch ihre Herzen.

Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben würde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in früheren Jahren von dem Wallfischfänger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten sich ihm dazu, wie er recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht säumig dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu geboten. Als er aber die Verhältnisse in Tahiti näher kennen lernte und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm auf der Ausführbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die Vortheile zu überschlagen die der Segen der Katholischen Religion vielleicht auf sein geistiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschluß gekommen einen entscheidenden Schritt zu thun und – ein anderer Mensch zu werden.

Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er begünstigte und die, so schlecht für den andern Theil, so vortrefflich für ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, daß er es treu und ehrlich mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten Officier als Führer und Unterhändler. Der ungünstige Erfolg dieser Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wußte, beschloß er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen neuen Gönnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.

Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewußt, reich, und ihm, wie er sich fest überzeugt fühlte, auch noch von früherher verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti konnten auf die Länge der Zeit nicht siegen – als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben kein besonderes Interesse für sie – und wer weiß was dann aus den Protestantischen Missionairen wurde – deshalb schien es ihm weit zweckmäßiger das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen – und danach handelte er.

Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der Außenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht von Pandanusblättern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesäbel den Blicken des jungen Mannes enthüllte. René that keine Frage, aber er mußte an sich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und rasch die eine Waffe aufgreifend, während sein Führer die andere nahm, sah er nur noch eben wie dieser die Blätter der Rückwand von einander schob und hindurch schlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu thun.

Die Hütte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn. Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze sprangen, und eine Eidechse hätte kaum ungesehn darüber kommen können, ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schuß fertig waren, oder sich überhaupt von dem Erstaunen über den kecken Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten sie schon im nächsten Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlüpfrigen Hang hinunter in ein Dickicht niederen Grases, von hochstämmigen Guiaven, die hier gar gedeihlichen Boden gefunden, überwachsen.

Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht allein wurden ihnen von oben mehre Schüsse nachgefeuert, und sie hörten die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fünf oder sechs Indianer, und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne weiteres Säumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das Dickicht aufgehalten wäre René gar nicht im Stande gewesen ihnen so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als möglich zu verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner tönten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu fallen.

Den Moment benutzten die Flüchtigen der Richtung zuzuspringen, in der sie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als möglich wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weise nachdrängenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben übrigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, beschleunigte.

Das Feuern sowohl, wie der Lärm den sie in den Büschen machten, hatte aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angeführt, bestand, ihnen in den Weg gebracht, und René, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschließen, das Lager mit gewaffneter Hand erstürmen zu helfen; Raiteo aber merkte das kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn zu können, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schuß erhalten, jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu lassen, daß er vielleicht gar wieder in die Hände der Tahitier fiele.

René konnte und wollte das allerdings nicht und wünschte den Verwundeten von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn, der erstlich seine Sprache nicht verstünde, dann keine Verbindlichkeit gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weise hinter dem nächsten Dickicht sitzen ließ. René durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als möglich dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, daß er der Gefangenschaft glücklich entkommen sei, führte er den jetzt immer erschöpfter werdenden Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten Papetee zu, fest entschlossen so rasch er könne zurück zu kehren und an dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen.