Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug genirt haben würde, wenn er eben allein hätte gehen wollen; erstlich aber mußte er in Papetee einen Zeugen für sich haben, wenn er auf einen günstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück, und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war für ihn jeder von seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair, ohne den geringsten Vortheil davon für sich selber zu haben, auf das grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern war jetzt seine Aufgabe, und er stöhnte und ächzte so langsam den Berg nieder und mußte sich so oft setzen und ausruhen, daß sie eben den Wall von Papetee erreichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit darauf die schmetternden Hörner der rückkehrenden Franzosen diese als Sieger kündete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt, und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefahren wären, zogen sie sich zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch nicht gerade mit zu viel Verlust.
René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen könne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militärärzte untersuchte und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das beendet aber suchte er auch ungesäumt den Gouverneur auf, ihm Bericht zu erstatten über sein Abenteuer sowohl, wie über den sehr ungewissen Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe.
Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wäre, mit Jim O'Flannagan und ließ sich nur anmelden, um seine glückliche Rückkunft anzuzeigen und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.
»Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon von weitem entgegen – »Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher erzählen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten möchte einmal auf den Zahn fühlen lassen.«
Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt: mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwischen zwei Marine-Soldaten mit gezogenen Säbeln und eines Verbrechens überführt, das ihm die Raanocke vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen lagen ihm tief und düster in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster und mistrauisch auf den neuen Ankömmling, gleich aus seinem ersten Erscheinen zu errathen ob er ihm nützen oder schaden könne.
»Hier der Bursche« fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann herzlich die Hand gedrückt, »thut Alles in seinen Kräften stehende, das muß man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weise hat er uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hände geliefert.«
»Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt.
»Ja, er war mehr als das,« lachte der Gouverneur, »er war auch der Helfershelfer des Gesellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer selbst des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben, wobei noch der stärkste Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten übrigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend sein dieses werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun, er verspricht uns die Anführer der Indianer – jene Häuptlinge die in diesem Augenblick den meisten Einfluß auf die Eingeborenen ausüben, zu überantworten, und das wäre allerdings seinen Hals werth, denn es würde Ströme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten, sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte ist ein paar Tage länger athmen zu können, was ich allerdings vermuthe.«
»Und wie glaubt er das möglich zu machen?« frug René.
»Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh stattfindenden Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den Eigenthümlichkeiten des Termins begründet sein. Sind Sie mit den Bergen hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?«