Capitel 5.
Lefévre und Aumama.

Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen langsamen abgemessenen Schrittes die Stadt; die den Franzosen freundlich gesinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingeborenen waren aber viel zu sehr daran gewöhnt, darin Außerordentliches vermuthen zu können. Die verschiedenen Posten wurden gewöhnlich durch solche Patrouillen abgelöst oder auch nur revidirt, und außerdem sandte der Gouverneur sogar nicht selten kleine Trupps über die Verschanzungen hinaus, zu untersuchen ob sich nicht feindliche Schwärme der Stadt näherten, kleine Ueberfälle zu versuchen, in denen sie es dann selten gegen die Feranis selber, sondern fast nur gegen die ihrer Landsleute abgesehn hatten, die es mit den Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn sie in ihre Hände fielen, und der Feuerbrand wurde in manche solche Hütte geschleudert, trotz den rings aufgestellten Posten und Pikets der sie schützenden Soldaten.

Eine dieser Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener sich durfte in den Straßen der Stadt sehen lassen, an den oberen Theil der Stadt marschirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach oder Fluß, über den die Brücke abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarschirend sich rechts in das Dickicht geschlagen, wo sie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer Mitte aber führte sie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rücken gebundenen Händen, während Lefévre den Trupp anführte, der, außer drei von ihm selber ausgesuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei Matrosen des Jeanne d'Arc bestand, welchen letzteren besonders die Bewachung des Gefangenen anvertraut worden. Ein anderer, ihm beigegebener Officier, Adolphe, sollte die zweite Patrouille erwarten, ihre Führung zu übernehmen.

Jim ging mürrisch zwischen ihnen, und schien mit der Rolle die er dabei zu spielen hatte nicht recht einverstanden zu sein, nichtsdestoweniger war ihm sein Leben gesichert worden, wenn er die Häupter der Rebellen, todt oder lebendig in die Hände der Franzosen lieferte.

Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten; Marinesoldaten, wie sie zum gewöhnlichen Dienst gebraucht wurden, und um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fähndrich angeführt. Auf einer besprochenen Stelle vereinigten sich die beiden und wurden jetzt so vertheilt, daß Adolphe den Iren und seine Wache bekam, der ihn hinter die Schlucht und dorthin führen sollte, wo sie den umstellten Häuptlingen den Weg in die Berge abschneiden konnten, und dafür die Hälfte der zweiten Patrouille, sechzehn Mann mit dem Fähndrich, zu Lefévres Unterstützung zurückließ.

Dieser mußte übrigens Adolphe mit seinen Leuten größeren Vorsprung lassen, da sie einen weit längeren Weg zurückzulegen hatten, und Jim verlangte jetzt von seinen Wächtern sie sollten ihn losbinden, oder ihm doch wenigstens die Hände so weit frei machen, daß er seine Arme zum Schutz gegen die überall vorstehenden Zweige gebrauchen könne. Adolphe wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem Burschen nicht recht, und erst nach einigem Hin- und Herreden, und besonders dadurch bestimmt, daß Jim behauptete sie würden den bezeichneten Platz zu spät erreichen und Alles damit versäumen, wenn er selber nicht ein klein wenig rascher aus der Stelle rücken könne, wurden ihm die Hände gelöst; um den oberen Theil seiner Arme aber blieb das Tau befestigt, und der Seemann selber hielt das wie eine Art Zügel in seiner linken Hand.

So rückten sie zwar langsam, aber vollkommen geräuschlos durch einen Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nähe der Stadt ihre Hütten fast sämmtlich verlassen hatten, nur höchst selten betreten wurde, und sie also auch nicht so leicht Entdeckung zu fürchten brauchten. Jim schien übrigens hier mit dem Wald vollkommen vertraut, denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, denen sie einmal eine Strecke folgen konnten, und warnte sie immer auf das sorgsamste, wenn sie in die Nähe irgend einer Ansiedlung kamen, die oft wie eine Oase in der Sandwüste, so hier in dem dichtverschlungenen Guiavendickicht lag. Da endlich weit genug vorgerückt, schlugen sie jetzt wieder eine mehr Südwestliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in fast abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum ersten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem sie nun so weit rascher folgen konnten.

»Wo führt der Pfad hin, Kamerad?« frug der Bootsmann da leise, als sie ihn eine Zeitlang schweigend und bergauf verfolgt hatten.

»Pst« war aber die einzige etwas mürrische Antwort die er erhielt, und da der Ausdruck in des Gefangenen Zügen ebenfalls die höchste Aufmerksamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend etwas Außerordentliches zu finden oder hören erwarte, begnügte sich der Seemann auch für jetzt damit, und spannte seine Sinne nur selber schärfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch rascher begegnen zu können.

Der Weg war indessen so steil geworden, daß der Bootsmann, auf den ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlängern mußte das er in der Hand hielt, um diesen im Fortschreiten nicht zu sehr aufzuhalten. Wenn Jim übrigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte er sich geirrt, denn der Seemann trug es fest und doppelt um die Hand geschlungen, wie man einen Spürhund etwa an langer Leine auf der Schweißfährte hinziehen läßt, willens ihm jeden Raum eben zu lassen das Wild zu verfolgen – aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer, und manchmal eben nicht ganz geräuschloser Linie, Adolphe dicht hinter dem Bootsmann und die beiden Matrosen dicht hinter ihm, von den Soldaten gefolgt. Die Seeleute zeigten sich auch ziemlich behend, besonders im Vermeiden des so häufigen trockenen Gestrüpps und übergeworfener Aeste, das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen dürren Ast, und machten den Führer oft mit finsterem warnenden Blick auf sie zurückschauen. In der That benutzte Jim auch solche Gelegenheit nur zu gern, sich von dem Stand und Verhalten seiner Begleiter zu überzeugen.