»Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorschlag jetzt nicht annehmen kann; ich weiß Du bist immer gut und freundlich gewesen« sagte Lefévre, »und es freut mich jetzt daß Du ruhig geworden und vernünftig. Sieh, wir haben das ja auf den Inseln auch in hundert anderen Beispielen und Fällen, daß ein Mann seine erste Frau verlassen und die jüngere Schwester derselben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr abredest, wird sie sich auch nicht länger sträuben, und vernünftig sein.«
»Wer?« sagte Aumama, aber so leise, daß Lefévre wirklich nur an der Bewegung ihrer Lippen errieth daß und was sie gesprochen.
»Nahuihua, närrisches Kind« lachte er, leise ihre Wange streichelnd, aber sie fuhr von der Berührung zurück, als ob er ein Messer auf sie gezückt hätte – »willst Du ihr zureden?«
»Ja« hauchte die Frau.
»Und es soll auch Dein Schade nicht sein, Aumama« flüsterte der Mann – »nun, nun, hab' keine Angst vor mir – fürchtetest Dich doch sonst nicht wenn ich Dir nahe kam. Aber ich muß fort« – setzte er rascher hinzu, »und meinen Kameraden holen – sage indessen nicht daß Du mich gesehen hast – ich will sie überraschen.« Und mit flüchtigen Sätzen, innerlich jubelnd über den leichten Doppelsieg dem er entgegenging, sprang er den Pfad zurück, den er gekommen, die Bewohner der Hütte noch nicht durch einen Schuß zu alarmiren, sondern seine kleine Schaar selber heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerstand gleich von vorn herein unmöglich zu machen. Es war viel besser wenn das Ganze friedlich und ohne Blutvergießen beendet werden konnte, denn die Insulaner kämpften manchmal, besonders wenn zum äußersten getrieben, wie Rasende.
Aumama blieb allein zurück, und als seine Schritte hinter der nächsten Felswand, um die sich der Pfad zog, verklungen waren, barg sie ihr Antlitz in den Händen und schien den Schmerz, der ihr in wilder Qual die Brust zu zerreißen drohte, zurückbannen zu wollen mit aller Kraft in seine alte Veste. Aber es ging nicht – zu viel – zu viel war dem armen Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thränen mußten sich Bahn brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwischen den zarten Fingern quollen sie hell und perlend vor und tropften heiß und brennend nieder auf das kühle Moos, das sie gierig auftrank, die Gramesboten.
Aber fort – fort mit den Gedanken – mit einem Wurf ihres Hauptes schleuderte sie die Locken aus der Stirn, die Thränen von den Wimpern, und sich hoch und stolz emporrichtend blickte sie wild und zornig umher. Er war fort – fort die Genossen zu holen in feiger Hinterlist, wie schon die ausgesandten Boten lang vorher gemeldet, und mit flüchtigem Fuß floh sie den Pfad hinauf, der Hütte zu, von der aus jetzt rechts und links bewaffnete Krieger hinausschlüpften – hier an dem Hang hin, hinter niedergestürzten Stämmen oder dichten Büschen sich bergend, dort den Orangenhain füllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit scharf geladener Waffe in die Felsen vertheilt und Klippen der Bergeswand – regungslos wie selber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb.
Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfüßig und rasch den weichen Berghang emporsprang, sicherem Sieg entgegen, und auf der Bergesspitze wieder wie vorher stand Aumama, die Hände fest und krampfhaft auf der Brust gekreuzt, das Auge stier und thränen-, die Wangen von Blute leer – und jetzt? – die Feranis stutzten und horchten dem fremden Laut.
»Uupa – uupa!« klang es leise von Kluft zu Kluft.
»Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen« lachte Lefévre, den Degen aus der Scheide reißend, »und dort auch steht Aumama, ihres Wortes getreu – ich bringe Besuch, mein Schatz.«