»Er ist willkommen« entgegnete das Weib mit eisiger Kälte, aber ihre Stimme drang kaum zu dem Ohr des Führers, als es ein anderer, herberer Laut begrüßte. Ein gellender Schrei brach aus Waldesschlucht und Berg – das ganze Thal schien einzustimmen in den furchtbaren Ton und mit scharfem tödtlichen Krach prasselte eine unregelmäßige Salve Kleingewehrfeuer drein.
»Verrath!« schrie Lefévre und sprang, die blanke Waffe in der Faust, auf Aumama zu; aber eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen splitterte an einem vorgehaltenen, seinen Hieb parirenden Büchsenlauf, und im nächsten Augenblick traf ihn selbst das schwere Eisen an die Stirn, daß er mit dumpfem Todesschrei zusammenbrach.
Ha, wie sie flohn – den Berg hinab durch Busch und Strauch, ihre Waffen lassend, wenn sie ein Busch faßte und hielt, blind und taub in den Strom hinein, dessen schlüpfriger Grund ihnen die Füße fortriß und sie gegen die schleimigen glatten Felsblöcke warf, bis sie sich halten konnten – halten, um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer stehn zu sehn, wie er den Speer mit gellendem Lachen in der Faust schwang und schüttelte, und zum Todeswurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz sandte, der Fluth die Leiche überlassend. Nach rechts und links stoben die wenigen Menschen, wie ein Volk aufgescheuchte Hühner auseinander – in Verzweiflung suchten sie an der steilen Wand emporzuklimmen, die sie zurückwarf in die Arme der Rächer, oder den Pfad entlang mit flüchtigen Sohlen dem flüchtigeren Feinde zu entgehn – umsonst; Speer oder Kugel traf sie ehe sie den dichteren Busch erreicht, oder wild tättowirte Gestalten tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und schlangen mit gellendem Jubelruf ihre Arme um sie, die Entsetzten niederreißend mit sich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit scharfer Wehr.
Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und stand, den Säbel in der schwachen Faust, die Linke drohend ein Pistol gespannt, den Rücken gegen einen Fels gepreßt, noch ernst und trotzig da, dem Schlachten, das er nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe, den Lefévre erst vorher gehöhnt, und zwar mit Zügen, aus denen jeder Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entschlossen blitzenden Augen, die nur zu deutlich eher den Tod als Schande suchten.
Drei der Eingeborenen sprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu entreißen und seine noch feine klare aber feste Stimme warf ihnen ein trotziges »zurück« entgegen.
»Schont ihn!« bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu schützen – »es ist nur ein Kind!«
»Aber ein ausgewachsenes!« schrie der eine Wilde, der schon Blut gekostet – »ergieb Dich!« und mit jähem Schwung hob er den gewichtigen Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag – da blitzte aus der aufgeworfenen Hand des jungen Burschen ein scharfer Strahl, dem der dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz fast knickte die riesige Gestalt vor ihm zusammen, die Waffe stürzte prasselnd auf den steinigen Boden nieder und der Körper taumelte schwerfällig – eine Leiche – den steilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren für die junge Hand; wohl schleuderte er dem nächsten mit glücklichem Wurf das Pistol gerade in's Gesicht, sich dessen auf kurze Frist erwehrend, wohl hieb die scharfe Klinge mit sicherer Hand geführt, tiefe Wunden in den nackten Leib des Anderen, und hätten sie Alle gefochten wie das Kind, manch Indianische Mutter würde an dem Abend ihre Wehklagen haben singen müssen über den Körpern der Erschlagenen; doch die Kräfte gaben aus, und wie Aumama vorsprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem eigenen Körper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von sicherer und gewaltiger Hand geführt, die Brust des Unglücklichen, der todt zusammenbrach, und nicht Einer von dem ganzen Trupp kehrte zurück, die Schrecken jener Stunde zu erzählen.
»A hi a nu!« ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge und die dunkle Schaar sammelte sich unten im Thal; von allen Seiten rannten sie nieder, die Waffen in der Faust, und hohe trotzige Gestalten führten sie an zum neuen Kampf. »Nach Papetee« jubelte ihr Kriegeslied in einer der alten heidnischen Weisen – »nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen mit scharfer Waffe – nach Papetee!« und die Erschlagenen zurücklassend wo sie ihr Geschick erreicht, zog die Schaar, anwachsend aus jeder Schlucht, wo andere Trupps in Versteck gelegen, das Thal hinab, dem einstmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind hinaus zu treiben oder zu vernichten.
Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leisem scheuen Gang schritt sie zwischen den Erschlagenen hin – schaudernd wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand bergend vor dem entsetzlichen Anblick – zu der Stelle zurück, wo der Mann lag der ihr einst Treue geschworen, und deren Bruch mit seinem Tod gezahlt.
Todt – allmächtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerschmettert, das sie auf ihrem Schoos so oft gewiegt – und diese Lippen, die sie tausend und tausend Mal geküßt, so blutig – so kalt und blutig. Arme, arme Aumama, mit dem Tod des Mannes war auch der Haß, die Rache hingestorben, und bitter klagend saß sie bei der Leiche – sich selbst beweinend und die armen, verlassenen Kinder.