»Es ist vergebene Mühe, Kamerad« lachte Bertrand jetzt, der zu ihnen an den Tisch trat, und wahrscheinlich glaubte, Adolphe habe ihm wieder zugeredet französische Dienste zu nehmen – »er hat den Geschmack am Handwerk verloren, das wenigste zu sagen, und wird hier ruhig sitzen und zusehn, während wir uns draußen mit dem Feind herumschlagen müssen, nur unser Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir schlafen.«

»So weit wird's nicht kommen« lächelte René – froh dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können – »die Eingeborenen sind gutmüthiger Natur, und wenn Ihr ihnen nur selber Raum zum Athmen gestattet, lassen sie Euch gern in Frieden.«

»Ja das hast Du wohl auch gemerkt?« lachte Bertrand – »die Eingeborenen sind gut genug, dagegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit denen auch zu thun hätten; die aber, die hinter ihnen stecken, die ihnen fortwährend in die Ohren schreien daß der liebe Gott in Gefahr wäre von den verdammten Baptisten geschändet zu werden, und ihnen schreckliche Geschichten vorerzählen von den Gräueln, denen ihre Seelen entgegen gingen, wenn sie dem Feind das »Feld des Glaubens« überließen, das sind die Hetzer, das die Feuerbrände, die die Gluth immer und immer wieder auf's Neue schüren. Und wenn es Männer wären, denen man mit dem Schwert entgegengehen könnte, sollte es gehn, aber es sind Weiber in langen Röcken, straf mich Gott, die mit den salbungsvollen langweiligen Gesichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn herumlaufen, und ihr fades nüchternes Gewäsch wie eine Sündfluth um sich her ausgießen, daß Einem ordentlichen Kerle schwach und weh wird. Demüthig und erbärmlich thun sie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände, und sehen so weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge, aber gieb ihnen einmal die Gewalt, laß sie sich nur oben schwimmend glauben mit einer »gläubigen Schaafheerde« unter sich, und sieh wie ihnen der Kamm wächst. »Christliches Bewußtsein« nennen sie's dann und noch anders, und Gesetze schreiben sie vor und Befehle; keine Kirche ist prächtig, keine Pfründe reich genug, keine weltliche Herrschaft soll über sie gebieten können, und keine weltliche Herrschaft giebt es dabei in die sie nicht hinein reden möchten in all ihrer christlichen Demuth. – Giftkröten!« rief er mit einem leise gemurmelten Fluch, und leerte das gefüllte Glas auf einen Zug.

»Hahahaha!« lachte ein Anderer, »Bertrand hat sich in die frommen Männer ordentlich verliebt – Dir haben sie's angetan mit ihrer unverbesserlichen Liebenswürdigkeit.«

Bertrand murmelte eine Antwort zwischen den Zähnen, indeß er sich sein Glas wieder füllte, und ging dann mit raschen ärgerlichen Schritten im Zimmer auf und ab.

»Sie sind es auch, die die Eingeborenen immer in böse Händel verwickeln« rief Adolphe, »und hast Du mir nicht selber erzählt, René, daß ohne Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hülfe, von dem ich immer noch nicht herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl ist – der Häuptling Aonui Dein Blut vergossen hätte? – wie man aber hier überall hört, ist gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Missionaire, den weit milderen und vernünftigeren Rathschlägen Utamis gerade entgegenarbeitend.«

»Zum Teufel, ja!« sagte René, die Stirne runzelnd in der Erinnerung an die, so knapp gemiedene Gefahr, »des Schuftes Aonui Schuld war's wahrlich nicht, daß ich jetzt hier noch bei einem kühlen Glas Claret sitze, und ich glaube er war wüthend genug über meine Flucht. Wenn eins mir auch den Degen noch einmal in die Hand drücken könnte gegen die Indianer, wär' es die Hoffnung dem schleichenden Hallunken zu begegnen, und ihm die Todesangst zurück zu zahlen.«

»Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hülfe noch früher in Anspruch nehmen« sagte der junge Artillerielieutnant – »wir sind so schwach an Mannschaft, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen die Wälle gar nicht ordentlich besetzen, die Geschütze nicht gehörig bemannen können, und Sie werden sich wahrlich nicht ruhig in's Kaffeehaus setzen und ihren Wein trinken wollen, während wir draußen nicht Arme und Köpfe genug finden können die Stadt und die Weiber und Kinder vor dem Einbruch der wilden, und dann auch gewiß blutdürstigen Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute Morgen, von unserem prekären Stand und der Gefahr in der wir schweben in Kenntniß gesetzt, dem Gouverneur ihre Hülfe anbieten und ihn bitten lassen, über sie ganz zu disponiren, wie er es für gut finden würde. Sie werden sich nicht wollen von Monsieur Brouard ausstechen lassen.«

»Ist es denn wirklich so arg?« rief René – »ich habe nur immer geglaubt, Bertrand und Adolphe redeten mir so zu mich wieder zum Dienst zu bringen. Es versteht sich von selbst daß ich mich der Vertheidigung der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, selbst wenn es nicht gälte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es da nöthig sein mich erst beim Gouverneur zu melden?«

»Gewiß« sagte der Artillerielieutnant, »aber wenn Sie das wollen kommen Sie mit mir, ich gehe in diesem Augenblick zu ihm, und weiß daß wir ihm Freude damit machen.«