Der Platz wo sich die Eingeborenen diesmal festgesetzt, hieß Harpape und es schien fast, als ob sie durch diese Stellung die verhaßten Feranis nur eben aus ihren festen Verschanzungen herauslocken wollten, um sie desto wirksamer auf ihrem eigenen Terrain bekämpfen zu können. So hatten die Franzosen gerade die Missionsstation von Harpape erreicht und passirt, und die ersten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu, verschwunden, als überall aus dem Dickicht heraus das Feuern der Eingeborenen begann, deren Absicht jedenfalls gewesen war, die Feinde hier zu trennen und zu zerstreuen, und dann gemeinsam zu überfallen und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; ein scharfes Feuer wurde auf den Busch gerichtet, der den schlauen Feind verbarg, und von See aus warf ebenfalls ein kleiner Französischer Dampfer, der dort auf und nieder fuhr, die Bewegungen des Militairs zu unterstützen, Kugeln in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen schienen. Wild fuhren diese dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von einem ungesehenen, ungeahnten Feind geschleudert, eine Kugel hinein schmetterte, mitten zwischen sie, oder wie das nicht selten geschah, den Stamm einer gewaltigen Palme traf und splitterte, und der fruchtschwere riesige Wipfel dann prasselnd und krachend niederbrach über die Entsetzten.

Das Missionsgebäude lag hier mitten im Feuer, und war besonders den Kugeln des Dampfers ausgesetzt; zwei der Missionaire deshalb, die sich zu dieser Zeit gerade im Inneren desselben befanden, die Brüder Brower und Mac Kean traten auf die Verandah hinaus, um die Leute an Bord wenigstens wissen zu lassen wer sich hier aufhalte. Der Dampfer respektirte auch das Haus der Missionaire und glitt geräuschlos vorbei, erst auf der anderen Seite wieder sein Feuer eröffnend.

Gefährlicher schien für die beiden Männer, die in einer merkwürdigen Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil sie hofften dadurch die Kugeln am sichersten von sich abzulenken, nicht allein in dem gefährdeten Haus, sondern auch auf der Verandah desselben blieben, das Kleingewehrfeuer der Truppen zu werden, die sich zuerst vor den Gebäuden gesammelt hatten und nun zu einem förmlichen Angriff rüsteten. Kaum hatten sie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch von dort aufs Neue ein scharfes Feuer auf sie eröffnet wurde, und ein Theil der Truppen sprang in die Umzäunung der Kapelle oder des Bethauses, aus dieser, die aus aufgerichteten Cocosplanken bestand, eine zeitweilige Brustwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der Eingeborenen besser und nachdrücklicher abweisen zu können. Diese kamen aber nicht, sondern begnügten sich nur mit der Vertheidigung des Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gönnen, und die Franzosen, des Plänkelns müde, bei dem sie nur Leute einbüßten und dem Feind auch nicht den geringsten, wenigstens sichtbaren Schaden zufügten, sammelten sich wieder in kleinen Colonnen, die versteckten Insulaner jetzt ernstlich aus ihren grünen Bollwerken heraus zu treiben, und auf ihr Hauptlager in Harpape zurückzuwerfen.

Gouverneur Bruat selber, der indessen am Missionshaus stillgehalten, hatte die beiden Missionaire gewarnt sich dem Zufall einer schlechtgezielten Kugel solcher Art auszusetzen, und sie zogen sich demnach in die Hinterzimmer des Gebäudes zurück; Rufen und Schreien draußen und das schärfere Schießen lockte sie aber auf's Neue vor, und erst als mehre Kugeln in das Dach und die Fenster des Gebäudes selber schlugen, wollten sie sich wieder zurückziehn – aber zu spät. Mr. Mac Kean hatte sich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den Insulanern selber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn Mr. Brower taumeln und sinken sah und zuspringen wollte ihn zu halten, stürzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn allerdings nun in das Gemach hinein und versuchte Alles ihn wieder in's Leben zurückzurufen, aber die Kugel war tödtlich gewesen – er athmete noch ein paar Mal leise und – war nicht mehr.

Die Soldaten indessen, sich wenig darum kümmernd was in der Verandah des Missionsgebäudes vorging, warfen sich in kalter Entschlossenheit auf den versteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Büsche hinaus und stürmten seine Schanzen, daß er, seine Todten und Verwundeten aufraffend, in wilder Flucht sein Heil suchen mußte. Gern hätte der Gouverneur sie nun auch weiter verfolgt, wären ihnen nicht zu gleicher Zeit die von Papetee herüber donnernden Kanonenschläge eine ernste Mahnung gewesen dorthin zurück zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder hatten nämlich die Eingeborenen, nachdem sie Lefévre mit seiner kleinen Schaar erschlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff gewagt, und als das Commando von Point Venus zurückkehrte, kam es eben nur noch zur rechten Zeit, die schon zum Aeußersten erschöpfte Besatzung von den immer und immer wiederkehrenden wüthenden Angriffen der Insulaner zu befreien, die nur zurückgeschlagen schienen, um mit doppelter Wuth und ungeschwächten Kräften ihre Ueberfälle zu erneuern.

Selbst der Untergang der Sonne setzte dem erbitterten Kampfe noch kein Ziel, und die Indianer suchten besonders unter dem Schutz der Dunkelheit einige der am schwächsten besetzten Punkte zu überrumpeln, bis ein paar zwischen sie abgefeuerte Raketen und über sie geworfene Leuchtkugeln sie erschreckt zurücktrieb in ihren sicheren Wald.

René hatte sich mehrfach an diesem Tag ausgezeichnet, auch ein paar leichte Streifwunden bekommen, aber ungeschwächt dadurch dem Kampfe Stand gehalten. Das herzliche Betragen seiner neuen Kameraden dabei that ihm wohl; es erweckte wieder die alten fröhlichen Erinnerungen aus früheren Tagen, früheren Zeiten, und mit dem Bewußtsein dazu, wie er den Kampf nicht muthwillig gesucht, und eben sein eigenes Leben nur mit vertheidigen helfe, das ihm noch gefährdet sein mußte, wäre er wieder in die Gewalt Aonuis oder jener fanatischen Parthei gefallen, kam wieder all der fröhliche Jugendübermuth in seine Seele, und er horchte mit blitzenden Augen den Plaudereien der Erzählenden, von Kampf und Sieg, Avancement und Orden – Orden in blutiger Schlacht mit dem Säbel in der Faust gewonnen, und nicht im Frieden behaglich eingeknöpft.

Die strengsten Patrouillen mußten aber die ganze Nacht hindurch die Außenwerke begehn; die Posten wurden unaufhörlich revidirt, und die Truppen warfen sich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raschen Dienst bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzustehlen, und zum frischen Kampf am nächsten Morgen, an dessen Beginn keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu sein.

Sie hatten sich auch nicht geirrt; mit dem dämmernden Morgen schmetterten die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln, das Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenüberliegenden Dickichten begann schon wieder, und der Donner des schweren Geschützes von den Wällen brach prasselnd hinein in Guiavenbusch und Orangenhain, und trieb den Rauch in schwerfälligen Massen in der Niederung hin, sie mit dichten Schwaden füllend.

Die Franzosen hatten die Wälle so gleichmäßig als möglich besetzt, und der kleine Dampfer unterstützte sie dabei nach besten Kräften von der Seeseite.