Nichtsdestoweniger gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps bis in das Innere der Verschanzungen zu brechen, wo sie manche der den Franzosen ergebenen Häuptlinge und andere Insulaner erschlugen, und das Französische Missionshaus zu stürmen suchten. In wildem unerschrockenem Trupp, das Feuer der Geschütze wie die in ihren Reihen angerichtete Verwüstung nicht achtend, warfen sie sich dem ihnen an Kriegskunst und Waffen weit überlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmsignale der Französischen Truppen mußten in solchen Fällen Hülfe herbeirufen nach den am meisten bedrohten Punkte. Glücklicher Weise für die Besatzung versäumte der Feind solche Angriffe, obgleich zehnmal zurückgeworfen, weil sie fast die ganze Macht der Gegner im Widerstand fanden, an mehren Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wäre sonst unrettbar verloren gewesen; hartnäckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des Angriffs und – konnten ihr Ziel nicht erreichen.

Aber auch hierdurch wurde die kleine Besatzung mehr und mehr entkräftet; die ewigen Stürme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth geführt, während die Insulaner, Tod und Wunden nicht scheuend immer nur danach zu trachten schienen den Feind zu treffen und zu schwächen, rieben sie nicht allein auf, sondern verminderten auch schon merklich ihre vertheidigungsfähige Mannschaft, und hie und da war schon der Wunsch unter den zum Tod erschöpften Leuten, den die Officiere Mühe genug hatten zu unterdrücken, aufgetaucht, daß sie den Dampfer heranrufen und an seinen Bord wenigstens ihr Leben sichern sollten, bis französische Schiffe mit Mannschaft und Provisionen ankämen und so nöthige Hülfe brächten. Lauter wurde der Wunsch, je wilder der unermüdliche Feind ihre Wälle stürmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod erschöpften Truppen suchten den fernen Horizont nach so heiß ersehnter nöthiger Hülfe.

»Ein Segel!« wie ein elektrischer Schlag ging der Ruf durch das ganze Lager – »ein Segel am Horizont« – ein Kriegsschiff das uns Hülfe – das Verstärkung bringt – ein Kriegsschiff das schon mit dem Namen den kecken und übermüthigen Feind einschüchtert und zurück in seine Berge jagt, der bis jetzt zu glauben schien die wenigen Truppen seien allein zurückgelassen, die Insel im Besitz zu halten, und wenn sie die wieder vertrieben oder erschlügen, wären sie auf's Neue die Herren ihres Landes. Die Europäer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzählt haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr, um die östliche Landspitze her, schon in gar nicht mehr so großer Entfernung sichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls für ein ihnen günstiges Omen, denn wenn die Franzosen hier wirklich allein zurückgelassen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes als ein englisches sein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde zu werfen und zu vertreiben, ehe fremde Hülfe selber gekommen sei.

Die beiden wichtigsten Anführer der Insulaner an diesem Tag waren aber der wilde Häuptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem seine prächtige Hautfarbe wie riesige Kraft diese Auszeichnung verschafft hatte. Pompey besonders, während der Indianer mehr eine stille, mehr hartnäckige Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit einem wahren Jubelschrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurückgeschlagen und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das Alles nur ein leichtes fröhliches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog.

Im Osten von Papetee hatte die schon zum Tod erschöpfte Mannschaft eben einen solchen Angriff zurückgeschlagen, bei dem in der That nur ein glücklicher Kartätschenschuß den Ausschlag gegeben, der den dicksten Haufen der Feinde traf, und furchtbare Verwüstung zwischen ihnen anrichtete. So vollständig waren sie dadurch überrascht worden, daß sie selbst ihre Todten auf dem Platze ließen, so schnell als möglich die Büsche wieder zu erreichen. René und Adolphe hatten hier zusammengekämpft, und der erstere besonders sich mit so kalter Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit so unübertroffener Tapferkeit gefochten, daß ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz zum anderen galoppirte die Vertheidiger anzufeuern und etwa nöthige Anordnungen zu treffen, selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die Brust heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle seines gefallenen Vorgesetzten, avancirte.

»Du bist nun einmal ein Glückskind, René« lachte Adolphe, ihm auf die Schulter klopfend, »und Fortuna scheint Dich besonders ausersehen zu haben.«

»Fortuna ist ein Weib, Adolphe, und unbeständig, wer kann sagen wie mich die nächste Stunde findet und – ich weiß wahrhaftig nicht ob ich mich über mein unverhofftes, ungesuchtes Avancement freuen oder – oder ärgern soll.«

»Aergern?« lachte Adolphe – »Gott sei Dank, das wär' eine Ursache vom Zaun gebrochen. Aber Du hast's auch verdient, denn ich schlage mein Leben auch nicht gerade so übermäßig hoch an, doch mich solcher Art mitten zwischen die tollsten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein – und ich bin nicht verheiratet.«

Am anderen Ende der Stadt begann in diesem Augenblick, und ehe René etwas erwiedern konnte, ein scharfes unregelmäßiges Schießen, dem die Französischen Signalhörner antworteten. – Der Gouverneur selber kam in diesem Augenblick zurückgesprengt, und den Platz erreichend wo die beiden Freunde standen, rief er schon von weitem:

»Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor so rasch Sie können; unser Missionshaus ist schon genommen und es gilt jetzt, den Feind wieder zurückzuwerfen, oder Papetee ist verloren!« – und an den Schanzen hinunter sprengte er, Hülfscorps noch abzuziehn, wo sie sich irgend entbehren ließen, den bedrängten Platz zu entsetzen, während René im Sturmschritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten Kampfplatz zueilte. Und es war die höchste Zeit, denn ein wilder Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen schon genommen, die Umzäunung des erst kürzlich errichteten Katholischen Missionshauses niedergerissen und dieses gestürmt und in Brand gesteckt.