»Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch – werden Sie sich kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.«
»Fräulein Lewis?« sagte René mit leiser fragender Stimme, und er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg.
»Susanna ist schon seit gestern wieder zurück – die Jeanne d'Arc sollte übermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und soll bis zur Ankunft der Reine blanche, die wir täglich von den Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen des Admirals mit nach Europa zu nehmen. Du Petit Thouars scheint zu Hause gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen, und das hartnäckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen, und hält sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren Position.«
»Und Fräulein Lewis?«
»Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben« fuhr Madame Belard mit einem freundlichen Lächeln fort, »ohne sich selber von Ihrer Besserung zu überzeugen – wollen Sie ihr erlauben?«
»Madame, wie können Sie so grausamen Spott mit mir treiben« rief René, »erlauben – drängt es mich denn nicht ihr selber für ihre Theilnahme danken zu können?«
»Gut, ich schicke sie Ihnen, ich muß überdieß einmal hinüber zu Brouats, die jetzt in einem prächtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das Nothdürftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen können.«
»Und Susanna?«
»Wird gleich erscheinen, aber – halten Sie sich hübsch ruhig – sprechen Sie so wenig wie möglich, und lassen Sie die junge Dame lieber erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas nach Europa zu schreiben haben, können Sie ihr diktiren – es wird jedenfalls die nächste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder bei Ihnen.«
Sie verließ rasch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und ängstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mädchens zu erwarten, das, er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr sehnlicher, heißer erhofft, je mehr er alle diese Gefühle in seinem Inneren verschließen mußte, ja fast gefürchtet, indem er sich nach und nach alles dessen bewußt wurde, was Pflicht und – Ehre – er wagte kaum noch die Liebe zu nennen – ihm entgegenstellten.