Sadie – oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut, die jetzt den vergifteten Pfeil in seiner Brust zurücklassen mußten, ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie – er barg das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das zauberschöne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu stürzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt. Sadie – arme Sadie; – aber noch war Rettung möglich; noch wenige Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn – die eigne Brust hatte da keinen Vorwurf – dem machtlos in die Bahn geschleudert, was er gefürchtet, was er meiden wollte – trennte ihn wieder von jenem kalten, schönen Bild und hob den Zauber – gab ihn wieder frei. Er kehrte dann zurück nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt, und in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, wollte er vergessen daß er ein Leben weggeworfen an einen Traum – so schön der auch gewesen. Und die Erinnerung? – doch was sich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit – die Erinnerung dann war Gegenwart jetzt, und wenn – ha, ein leichter Schritt auf der Verandah draußen – das klopfende Herz drohte ihm die Brust zu zersprengen, der Thürgriff drehte sich leise im Schloß – aber noch öffnete sich die Thür nicht und die Sekunden wurden zu Minuten. Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und als er die Augen schloß, und bleich und erschöpft auf sein Kissen zurücksank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer betrat, und sich fast geräuschlos seinem Bette näherte.

Es war Susanna – schüchtern und ängstlich nahte sie dem Lager, und ihr Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zügen des Leidenden.

»Er schläft« flüsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geräuschlos wie sie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und sein leises »Susanna« sie an die Stelle bannte auf der sie stand.

»Monsieur Delavigne.«

Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie reichte ihm die ihrige.

»Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen?« sagte er endlich, mit sanftem Vorwurf im Ton und mühsam den Seufzer zurückpressend, der ihm die Brust heben wollte, »war das recht von Ihnen?«

»Wie ist Ihnen jetzt, fühlen Sie sich leichter, wohler?« frug die Jungfrau ausweichend – »Sie sehen noch recht bleich und angegriffen aus!«

»Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl« rief der Kranke – »und doch auch wieder recht weh« setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu – »die Wunde sitzt zu tief.«

»Die Zeit wird sie heilen, René« hauchte Susanna, und wandte das Antlitz halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand zitterte in der seinen. René schüttelte langsam mit dem Kopf – er wollte reden, aber er fürchtete dem Gefühl Worte, Ausdruck zu geben. Noch hielt ein schwacher Damm die mächtig in ihm glühende Leidenschaft zurück, noch schlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen – den Damm einmal durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth dann nicht mehr zurück zu drängen.

Susanna fühlte das ebenfalls, und wenn sie auch früher in fast muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, für den sie kaum ein flüchtiges Interesse fühlte, an ein Wesen fesselte das schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres, besseres Gefühl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt – vollständiger als sie es je erwartet, sich je bewußt gewesen zu erstreben, aber auf das eigene Herz dabei vergessen, der eigenen Stärke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche.