»An Madame Sadie Delavigne« sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die Adresse des Schreibens lesend – »und der Brief wurde Dir für mich von Herrn Delavigne gegeben?«
»Für den Mitonare der nach Atiu ging« sagte der Bursch etwas bestürzt; »wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.«
»Es ist recht« sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, »der Brief ist in guten Händen – und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?«
»Ai ta vau i ite, mi to na re« antwortete der Insulaner achselzuckend – »er liegt noch im Bett – böse Wunde.«
Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, ließ sich den Abschied nicht zweimal gesagt sein, und schoß wie der Blitz zur Thür wieder hinaus und in's Freie.
Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; René's Wunde hatte sich so weit gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte Entzündung seinen Arm so gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm herum ging, diesen so stark berührt, daß sie neben der gefährlichen Wunde noch eine Gehirnerschütterung hervorrief, die ihn so lange bewußtlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte. Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann nicht jetzt die vaterländischen Bäder besuchen könne, die ihm gewiß von großem Nutzen sein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollständige Herstellung, aber er könne allerdings nicht dafür einstehn, und müsse ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklären, daß sich die Sache, im allergünstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen würde.
Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurückgekehrt, hatte aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht, deren Schweigen sich René nicht zu erklären vermochte, und das ihn beunruhigt haben würde, wenn er nicht selber beabsichtigt hätte jetzt bald selber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben und Ruhe – o so heiß ersehnte Ruhe bringen solle.
In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt – noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die Post von Frankreich – Briefe aus der Heimath.
Briefe aus der Heimath – oh wie der Klang dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. – Die lieben, so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewünschten Züge theuerer Hand – die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken – die wieder und wieder ausgesprochene Bitte heimzukehren – heim in offene Arme, an treue Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn – ach es ist ein frohes, ein seliges Gefühl, und selbst die fremde Welt die uns gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten, auf vaterländische Matten ihre milden Strahlen werfe.