Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, geküßt und wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.

Nur Einer, von alle diesen saß still und in sich gekehrt, unzufrieden und schwermüthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt, das Auge starr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet, die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches Rauschen in das stille Gemach flüsterte.

Es war René – einen offenen Brief vor sich auf dem Schooß, und mit ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen selbst der Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte.

»Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe sagt« murmelte er dabei leise vor sich hin – »jetzt wär's vorbei – drunten im kühlen Grund läg ich still und friedlich, einer anderen Welt entgegen zu träumen und Sadie – beweinte mich, wie man den Hingeschiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort. Arme Sadie – der alte wackre Osborne hatte recht, nur daß die Warnung damals zu spät für uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von Allem, was ich in früherer Zeit erstrebt, und bin ich glücklich? – elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das fröhliche Wiehern der vorbeistürmenden Kameraden hört, und kein Ziel mehr hat dem es entgegenstreben darf, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog – vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das süße Futter im Trog und – die Flechsen zerschnitten – nicht einmal sterben kanns.«

»Hallo René, so trüb und traurig hier allein?« rief eine fröhliche Stimme und Adolphe stand vor ihm – »böse Nachrichten im Brief? Du machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?«

René wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke Hand – die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte selbst nicht recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm Gelegenheit das Gespräch nach anderer Richtung hin zu wenden.

»Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe« sagte er endlich, ihm den offenen Brief hinüber reichend, »da lies selbst.«

Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:

»Das läßt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächste Schiff und regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz. Ueberdies ist die Sache gar nicht unbeträchtlich und schon eine solche Reise werth; und das nicht allein, Du schlägst zwei Fliegen gleich mit einem Schlag, denn, René, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner Wunde steht; ohne die größte Vorsicht und Pflege kannst Du möglicher Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem vorzubeugen. Du hättest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.«

René sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach Frankreich? – er selber? – mit –«