»Gehst Du jetzt zu Hause?« frug Adolphe.

»Bald wenigstens.«

»Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo er sich in diesem Augenblick aufhält, und komme selber später vielleicht Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entschluß und kann Dir dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte Dich Gott, Du kannst's brauchen« lachte der Freund, und seinen Arm in den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das eben Geschehene besprechend, die Straße nieder.

Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert und schon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher Unentschlossenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langsam die Treppe hinaufstieg. Er hörte dabei daß sich die beiden Eheleute eifrig und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stören, auf sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild auf ihn einstürmenden Gedanken und Plänen, aber Monsieur Belard hatte ihn kommen sehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.

»Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne?« rief ihm die kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schüttelnd, entgegen, »und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards – Himmel, das wird eine förmliche Einöde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken Sie zurück zu sein?«

»Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich überhaupt gehe – ob ich gehen darf« sagte tief aufseufzend der junge Mann – »noch habe ich zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.«

»Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran« sagte traurig die junge Frau – »das würde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben – o Ihr Männer seid doch grausame rücksichtslose Menschen.«

»Aber lieber Gott« entschuldigte ihn hier Belard – »er bleibt ja doch keine Ewigkeit fort, und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschäft bestehen kann. Wenn René nicht selber nach Frankreich geht, so bin ich fest überzeugt daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er schweres Geld für die Reise bezahlen, während er sie jetzt im Gegentheil honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei hat. Susanna war schon ganz glücklich wie sie es hörte. Außerdem aber ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er hier bleibt, lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft, oder sich jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.«

»Ist wirklich die Gefahr vorhanden?« frug Madame Belard besorgt. René zuckte mit den Achseln.

»Gott nur weiß es« sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein Gewicht von der Brust wälzen wolle – »mir aber schnürt es das Herz zusammen in Angst und Sorge – ich kann nicht gehn. Mag mir der Arm gelähmt bleiben für Lebenszeit – mag ich das Geld verlieren daheim – Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon geärgert und gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind so nicht verlassen. Wenn ihnen nun etwas geschähe während ich fort bin, könnte ich je wieder des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge schauen?«