Es war an einem solchen Sonntagsabende, sie hatten den ganzen Tag eingefahren und eben das letzte trockene Fuder hereingebracht und abgeladen, als er in die Stube kam, seinen Hut in die Ecke, sich auf einen Stuhl warf und, den Kopf in die Hand stützend, sich und sein Geschick verwünschte.
»Ich wollt' ich wär' todt,« rief er aus, »todt und begraben und weg von der Erde, daß ich nur das Elend nicht mehr länger ansehen müßte; und viel länger halt' ich's überdies nicht aus, denn Gift und Galle bringen mich doch über kurz oder lang in's Grab. Giebt es denn in der ganzen Welt einen Menschen, der mehr Unglück hat als ich?«
»Aber Hans, um Gottes willen, versündige Dich nicht,« bat die Mutter, doch der Vater sagte:
»Du sprichst wie ein Kind, Hans, und solltest Dich schämen. Sind das Reden für einen erwachsenen Menschen? Kannst Du's ändern, kann ich's ändern? Haben wir nicht bis jetzt Alles gethan, was in unseren Kräften stand, um Dir über die Schwierigkeit hinauszuhelfen, und hat es sich machen lassen mit all unserer Mühe? Wer also trägt die Schuld?«
»Seid nicht bös, Vater,« rief Hans, »ich weiß ja wohl, daß Ihr keine Schuld dabei habt, 's ist auch nur allein mein ewiges Unglück, das ich mit Allem habe, was ich nur anfasse.«
»Hans,« sagte der alte Barthold ernst, »wenn ich Deiner Jugend nicht die unbedachten Worte zu gute hielte, würde ich jetzt ernstlich böse auf Dich werden. Was hast Du denn schon für wirkliches Unglück im Leben gehabt, und weißt Du denn überhaupt ob es ein Unglück ist, daß Deine Heirath jetzt hinausgezögert wird?«
»Aber Vater –«
»Ihr junges Volk,« sagte der Vater ernst, ohne sich irre machen zu lassen, »beurtheilt immer Alles nur nach dem Augenblick, ob es Euch paßt oder nicht. Was paßt, wird ruhig hingenommen, als ob es nicht anders sein könnte; was nicht paßt, ist ein Unglück, eine Verfolgung des Schicksals, eine Ungerechtigkeit, und wie die Faseleien alle heißen. Es geschieht nichts umsonst! Wenn Du einmal älter bist, wirst Du mir das aus eigener Erfahrung bestätigen. In dem gewaltigen Weltgebäude fällt kein Sperling vom Dache ohne den Willen des Höchsten, und so wunderbar greift Alles in einander, daß wir nur staunen und anbeten können, wenn wir die Wirkung sehen. Daß uns armen unbedeutenden Menschenkindern aber nicht verstattet ist, den lieben Gott in seiner geheimen Werkstätte zu belauschen und die einzelnen Fäden zu sehen, mit denen er die Geschicke der Menschen leitet, darüber bist Du unzufrieden. Du willst auch gleich wissen, warum das und das so ist, und weshalb Du gerade nicht auf der Stelle Deinen Willen haben kannst.«
»Ach, Vater,« brummte der junge Bursch verdrießlich vor sich hin, »das ist Alles schon recht, aber soll ich nicht die Geduld verlieren, wenn ich sehe wie mir mein ganzes Leben verbittert wird, blos einer albernen Weitläufigkeit wegen, die mit ein paar Federstrichen abgemacht wäre? Ich habe, was ich zum Leben brauche, und kann eine Frau ernähren, Lieschen ist mir gut, Ihr und Lieschens Eltern habt eingewilligt, und Monate lang könnten wir schon unseren neuen Hausstand haben; aber nein, da strecken lauter Leute, die mir nicht ein Stück Brod geben, wenn ich an der Straße verhungere, die Finger dazwischen und schreien: Nein, das geht nicht, die hohe Obrigkeit will's nicht, der liebe Gott nicht! Ist denn das nicht um den Verstand zu verlieren?«
»Wahre das Bischen was Du hast, mein Junge!« sagte der Alte trocken, »Du weißt nicht, wie Du's noch 'mal im Leben brauchen kannst.«