»Und was denkst Du, daß er möglicher Weise thun kann?«
»Noch weiß ich Nichts, Kind – gar Nichts. Der Kopf wirbelt mir nur von dem Gehörten; das muß erst klar werden und sich sichten; alles Andere findet sich ja dann leicht. Leb wohl indessen, und laß mich wieder ein freundliches Gesicht sehen, wenn ich zurück komme.«
Ein freundliches Gesicht – Du großer Gott, der armen Frau war das Herz recht voll und schwer, als sie ihr Gatte verlassen hatte, denn wohl sorgte sie sich um den Bruder, den sie so – wenigstens für sie in Deutschland – verloren glaubte. – Und was konnte ihr Gatte dabei thun? – Das Band lösen, das ihn dort fesselte? – Scheidung? – aber was hatte das arme Weib verbrochen, die vielleicht mit aller Liebe an ihm hing. – Der Kopf schmerzte sie vom vielen Sinnen, und sie mußte sich gewaltsam aufraffen. Sie wollte sich beschäftigen – sie wollte lesen – es ging Alles nicht – an was konnte sie anders denken, als an das, was jetzt ihr ganzes Herz erfüllte. Erst in der Musik fand sie zuletzt eine Erleichterung, um die langen, langen Stunden hinzuweilen, die noch zwischen jetzt und der Entscheidung lagen.
Um ein Uhr kehrte Graf Galaz zurück, gleich nach ihm, fast mit ihm zugleich, Eduard. Er sah bleich und angegriffen aus und drückte, als er in's Zimmer trat, seiner Schwester bewegt die Hand.
»Eduard,« sagte da der Graf, »es bedarf keiner weiteren Vorrede, denn daß uns Beide Dein künftiges Schicksal, seit dem Augenblick wo Du uns Dein Geheimniß entdecktest, ausschließlich beschäftigt hat, versteht sich von selbst. Es bleiben Dir aber nur zwei Wege, das seh' ich ein, und wenn es Dir irgend möglich wäre, würde ich Dir rathen, den einen einzuschlagen, denn natürlich möchten wir Dich doch gern in unserer Nähe behalten.«
»Und der ist?« fragte Eduard leise und scheu.
»Scheidung,« erwiederte ruhig der Graf, »und zwar nicht allein Scheidung Deiner selbst, sondern auch Deiner Frau wegen.«
»Meiner Frau?«
»Allerdings. Du kannst nicht daran denken nach Australien zurück zu gehen. Wie ich Dich jetzt hier kenne, nach Allem was ich von Dir gesehen, würdest Du Dich dort namenlos elend fühlen. Auch die Verbindung selber läge Dir jetzt wie eine Last auf, und hinderte Dich an all Deinen Bewegungen. Früher ja, in Deinem tollköpfigen Sinn, mit dem Vaterland vollständig zu brechen, hast Du das nicht so gefühlt – ja im Gegentheil erweckte vielleicht gerade die Gründung eines eigenen Heerdes, mit einer Frau, die Deine Arbeit theilen mußte – Dein Selbstgefühl, und Du fandest darin einen Ersatz für das Aufgegebene. Jetzt ist das anders. Kehrtest Du jetzt in jene Verhältnisse zurück, so würdest Du Dich elend fühlen und damit Dein armes Weib auch elend machen – und wolltest Du sie herüber kommen lassen – sage Dir selbst, ob Du mit der Verwandtschaft hier bei all unseren Freunden einen Verkehr halten könntest. Jetzt empfängt Dich Alles mit offenen Armen, aber dann – der Stand, die geringe Bildung Deiner Frau würde sich augenblicklich verrathen, und hat sie nur ein klein wenig Gefühl, so müßte sie sich selber unglücklich fühlen, wenn sie sieht, daß sie Dich durch das Zusammenleben mit Dir unglücklich macht.«
»Und der andere Weg?« frug Eduard mit einem tiefen Seufzer.