»Ja ein alter Mann, ein wunderlicher Kauz, und eine junge nette Frau – Bauersleute jedenfalls –«
»Von Bennersberg vielleicht,« sagte die Gräfin – »es wird irgend eine Klagesache sein. Sie müssen jetzt warten bis mein Bruder zurückkehrt – wollen sie ihm aber schreiben, so werd' ich den Brief befördern.«
»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann, »sie sind nicht von Bennersberg; ich glaubte es anfangs auch und frug sie darnach; sie sehen aber fremdländisch aus, und der Alte sagte immer statt ja auf englisch yes.«
Die Gräfin erschrack. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sie, aber wäre es möglich gewesen? Sie mußte sich abwenden, um ihre Bewegung zu verbergen, trat an's Fenster und sah hinaus. Der alte Diener wartete ruhig bis sie wieder mit ihm sprach.
»Ich will sie doch einmal selber sprechen, Cornelius,« sagte sie endlich – »wer weiß denn was sie wollen. Führt sie zu mir herein, und daß wir, so lange sie bei mir sind – nicht gestört werden.«
»Sehr wohl, Frau Gräfin.« Die Thür schloß sich wieder hinter ihm und Alexandrine blieb in heftiger Aufregung zurück. Wenn Eduards Frau – aber war es denkbar, daß sie die weite Reise gewagt haben sollte – wie kam sie nur auf den Gedanken – und doch wieder – ein alter Bauer der englische Wörter gebrauchte – wenn nun der Vater – Draußen wurden Stimmen laut – »Also Frau Gräfin wird sie genannt?« hörte sie Jemanden sagen, dann öffnete sich geräuschlos die weite Thür und die Gemeldeten traten, während der Haushofmeister ehrfurchtsvoll auf die Gräfin zeigte, und die Thür dann wieder hinter ihnen schloß, in das hohe, durch schwerseidene Gardinen halbverhangene Gemach.
Der alte Bauer war auch wohl draußen noch ziemlich unbefangen gewesen, denn er »wollte Nichts betteln,« wie er zu dem Haushofmeister sagte, und hätte mit dem Herrn von Benner »nur ein Wort zu reden«. Anders wurde ihm aber doch zu Muthe, als er in das prachtvolle, halb dunkle Gemach auf den weichen Teppich trat, auf dem er seine eigenen Schritte nicht mehr hörte, und ihm jetzt unwillkürlich das Gefühl kam, er ginge absichtlich so leise, um Niemanden zu stören. Und dann die hohe schöne Frau, die ihm gegenüber stand, und deren großes klares Auge so forschend auf ihm und seiner Begleiterin haftete. Draußen hatte er auch genau gewußt, was er sagen wollte – hier drinnen fiel's ihm nicht gleich wieder ein. Seine Begleiterin schien aber noch viel mehr verlegen, als er selber, denn ängstlich und verstört hielt sie sich hinter ihm, und seinen Rockschooß mit der linken Hand fest, und da er selbst vollkommen still schwieg, flüsterte sie ihm scheu zu:
»Sprecht Ihr, Vater – ich bring kein Wort über die Zunge.«
»Wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr von mir,« sagte da Alexandrine mit ihrer weichen und doch so volltönenden Stimme. Das gab dem Alten sich selber wieder – es war doch ein menschlicher Laut, und mit einer Art von Kratzfuß, der aber auf dem Teppich hängen blieb, erwiederte er:
»Mit Verlaub, Frau Gräfin, von Ihnen Nichts; nur den Herrn von Benner wollten wir sprechen.«