»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht.«

»Du wirst Alles verstehen lernen,« lächelte die Gräfin, »Alles, denn an Deinen Augen, an Deinem ganzen Wesen sehe ich, daß Du gelehrig bist; was Dir aber dabei schwer fallen sollte, das wird die Liebe trotzdem leicht überwinden – aber da kommt Dein Kind!« rief sie, vom Sopha aufspringend, als sie draußen die Stimmen hörte, und gleich darauf auch das Zimmer geöffnet wurde, in dem Babette mit dem Kind erschien; »oh, was für ein lieber, kleiner, herziger Bursch ist das. Es ist gut, Babette – ich werde klingeln, wenn ich Sie wieder brauche, für jetzt wollen wir den kleinen Herrn schon allein versorgen.«

Alexandrine war glücklich in dem Gedanken an das Glück, das sie andern bereiten wollte, und hatte jetzt so viel zu sorgen und anzuordnen, daß ihr der Tag wie im Flug dahin ging.

Vor allen Dingen wurde dem alten Schuhmacher Schweigen aufgelegt – er war überhaupt nicht gesprächiger Natur, aber er besaß doch, wenn auch keine wirkliche Bildung, den, diesen Leuten sehr oft im hohen Grade eigenen Mutterwitz und gesunden Menschenverstand. Alexandrine hatte ihn auch bald durchschaut, und rasch entschlossen den Weg mit ihm einzuschlagen, der sie am sichersten mit ihm zum Ziel führen konnte: die reine unverfälschte Wahrheit. Sie schilderte ihm mit kurzen Worten die Verhältnisse wie sie wirklich standen – sie theilte ihm ihren Plan mit, der Tochter eine Stellung in der Gesellschaft zu erringen, und dadurch dem Bruder sein Glück zu wahren, und der alte Mann hatte Menschenkenntniß genug, um rasch zu sehen, daß er hier sein Kind wenigstens in treuen und guten Händen wußte.

Er selber wurde jetzt für kurze Zeit in einem kleinen Gartenpavillon – allerdings etwas zum Erstaunen der Dienerschaft – einquartiert, während Henriette mit ihrem Kind ein paar Zimmer in der unmittelbaren Nachbarschaft der Gräfin selber angewiesen bekam.

So vergingen vierzehn Tage, dann bestellte die Gräfin ihren Reisewagen und fuhr mit ihren Gästen nach der Residenz, wo sie acht Tage blieb – aber sie kehrte allein wieder zurück und erwartete jetzt, ihrem gewöhnlichen Leben folgend, ruhig die Rückkunft ihres Gatten und Bruders.

Neuntes Capitel.
Eine Wendung.

Die Jagd in Schlesien hatte sich so ergiebig gezeigt, und die gesellschaftlichen Verhältnisse dort schienen so angenehm gewesen zu sein, daß die beiden Herren, noch etwas später als erwartet, zurückkehrten, und dann wieder beide – Graf Galaz daheim und Eduard auf Bennersberg (wo er sich häuslich niedergelassen) von ihren indeß aufgehäuften Arbeiten lebhaft in Anspruch genommen wurden.

Alexandrine war indeß in Ungewißheit gewesen, ob sie ihren Gatten in ihr Geheimniß einweihen solle oder nicht. Sie scheute sich zwar ihm irgend etwas zu verschweigen und hatte es in Wirklichkeit noch nie gethan, aber sie wußte auch daß gerade er mit dem, was sie gethan, nicht einverstanden sein würde, weil er von vornherein die Möglichkeit eines günstigen Erfolgs bestritt. »Es war,« wie er sich oft geäußert, wenn sie ihm früher von einem solchen Plan sprach »nur ein Experiment, das zu unangenehmen Conflicten führen mußte, und deshalb lieber unterblieb.«

Außerdem hatte er andere Pläne mit Eduard, denn allein in aristokratischen Kreisen erzogen, wenn auch von weichem und selbst tiefem Gemüth – hielt er es für völlig undenkbar, daß sich eine gewöhnliche Magd je aus der Sphäre erheben könne, in die sie das Schicksal geworfen. Nicht die Mesalliance fürchtete er dabei, die Mischung altadligen und bürgerlichen Blutes – guter Gott, die neuere Zeit brachte nur zu viele derartige Beispiele, wo sich selbst Prinzen nicht scheuten, einer braven Bürgerstochter oder einer gefeierten Künstlerin ihre Hand zu reichen – aber das Plebejische verletzte ihn, das Gemeine im Umgang, und das hielt er sich fern, soviel das immer möglich war.