Um so schwieriger war es jetzt für sie, mit ihrem Plan hervorzutreten, da sie selber noch nicht den geringsten Beweis für einen auch nur möglichen Erfolg hatte. Noch blieb Alles Vermuthung – Hoffnung eines günstigen Gelingens, und Jahre lang hätte sie dann gegen seine Zweifel ankämpfen müssen. – Sie entschloß sich endlich, das allein Begonnene auch auf eigene Hand durchzuführen und ihren Gatten erst in das Geheimniß zu ziehen, wenn sie sich ihres Erfolges sicher fühlte – ja vielleicht selbst dann noch nicht einmal.
Uebrigens wäre dasselbe fast ohne sie verrathen worden, denn der Graf erfuhr bald nach seiner Rückkunft durch seinen Kammerdiener von der Bewirthung des Bauernpaares durch seine Gattin. Mit keiner Ahnung übrigens, wer es gewesen sein könne, frug er sie selbst darum, und Frauen – wenn sie nicht sprechen wollen – sind selten um eine Ausrede verlegen.
»Der Bruder meiner Amme, mit seiner Tochter,« sagte sie ruhig – »er war vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert, hatte es aber draußen nicht aushalten können und kehrte jetzt in die Heimath zurück. Er war sehr niedergeschlagen über seine getäuschten Hoffnungen und das arme Kind dauerte mich besonders.«
»Und wo sind sie jetzt?«
»Wieder in ihrer Heimath.«
Es wurde nicht wieder davon gesprochen; den Grafen interessirten die Leute auch wirklich zu wenig, um sich mit ihnen noch länger zu beschäftigen, und da man nichts weiter von ihnen hörte, waren sie auch bald in Galaz selber vergessen.
So verging ein Jahr und Alexandrine bekam indessen die Nachricht, daß Henriettens Vater wieder in Süd-Australien angelangt sei, um dort sein kleines Gut nicht ganz vernachlässigt zu sehen. Sie hatte aber mit ihm schon die Abrede getroffen, daß er das, für Henriette hinausgesandte Geld nur regelmäßig in Empfang nehmen und darüber quittiren solle. Auch in anderer Weise war dafür gesorgt, Eduard fortwährend in dem Glauben zu erhalten, daß Henriette selber noch in Australien sei, denn sie schickte die Briefe für ihren Gatten zuerst an ihren Vater, wonach sie dann Bechers Gewissenhaftigkeit empfohlen und pünktlich zurück nach Deutschland befördert wurden.
Graf Galaz drang in der Zeit mehrmals in den Schwager, seine Scheidung in Australien zu betreiben und sich mit dem alten Schuhmacher auseinander zu setzen. Es war das um so mehr nöthig geworden, da er seine Besuche in dem Hause des Comthurs häufiger wiederholte, und Galaz behauptete fest, Hedwig sei ihm so zugethan, daß es nur seiner Werbung bedürfe, um ihr freudiges Ja zu erlangen.
Eduard verbrachte eine trübe, sorgenvolle Zeit, aber er weigerte sich dem Verlangen zu willfahren. Er malte sich den Schmerz Henriettens aus, wenn ein solcher Brief dort eintreffen sollte, und überhaupt unentschlossen in seinem ganzen Character, verzögerte er einen so entschiedenen Schritt von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Aber auch das gesellige Leben der Heimath wob immer fester seinen Reiz um ihn. Schon konnte er es nicht mehr entbehren, und den Gedanken nach Australien zurückzukehren, verwarf er immer, so rasch er nur in ihm aufstieg.
Und wie lieb und gut lauteten dabei fortwährend die Briefe seiner Frau, die aber jetzt viel spärlicher als früher kamen und ihn auch ihrem Inhalt nach in Staunen setzten. Sie enthielten allerdings noch ebenso viele orthographische Fehler als früher, ja vielleicht noch mehr, denn er wußte bestimmt, daß sie früher einzelne Worte richtig geschrieben hatte, die jetzt sonderbare Fehler zeigten. Aber die Handschrift war eine ganz andere, festere geworden, obgleich es auch jetzt an Kleksen im Brief nicht fehlte – ein Zeichen, daß die Schreiberin noch immer mit der Feder nicht umzugehen wußte – und manche Buchstaben und Worte bös verschoben waren. Auch die Gedanken, die sie verriethen, zeigten oft von tiefem innigen Gefühl, das er ihr wohl immer zugetraut, aber von dem er doch nie geglaubt hatte, sie würde es so aussprechen können. – Und dann wieder ihre naiven, fast kindlichen Wendungen dazwischen.