Früher hatte ihm außerdem der Schmerz weh gethan, der aus jeder ihrer Zeilen sprach; der Schmerz der Trennung von ihm, die Trauer um seine Abwesenheit. Alle ihre Briefe waren fast nur Klagen gewesen. Das hatte sich ganz geändert; sie bat ihn wohl, doch bald, recht bald zu ihr und dem Kind zurück zu kehren, aber dann wieder schrieb sie ganz heiter, erzählte ihm Anecdoten von Bekannten und beklagte sich nur darüber, daß er ihr fehle, nicht über ihre Einsamkeit. – Und wie viel wußte sie über das Kind zu sagen, über den kleinen prächtigen Kerl, der jetzt anfange, dem Vater so ähnlich zu sehen, und auch schon immer nach ihm verlange und frage, ob denn der »böse Papa« noch nicht zurückkehren und mit ihm spielen wolle.

Nach solchen Briefen wurde es ihm zu eng im Haus – er mochte sich nicht selber gestehen, was ihn quäle, er mochte sich über die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen machte, nicht klar werden und ritt dann immer weit hinaus in die Nachbarschaft, um sich zu zerstreuen.

Heute war wieder ein Brief eingetroffen und wie er ihn gelesen und in sein geheimes Fach eingeschlossen, ließ er sich sein Pferd satteln und beschloß, nach Galaz hinüber zu reiten.

Auf dem Wege dahin passirte er des Comthurs Schloß – die »Enkelburg« wie es scherzhafter Weise von den Bekannten und bald auch überhaupt in der Umgegend genannt wurde. Er fühlte das Bedürfniß freundliche Gesichter zu sehen – Musik zu hören – mit einem Wort, eine Zerstreuung zu haben, die ihn von seinen eigenen Gedanken abzog und lauter Jubel hatte ihn bis jetzt immer empfangen, wenn er in den Park des gastlichen Hauses einritt.

Auch heute gab er seinem Pferd die Sporen, als er, den Kiesweg hinabreitend, schon von Weitem die lichten Kleider der Damen auf der Terrasse erkannte. Er glaubte auch den alten Herrn selber gar nicht daheim zu finden, da dieser vor einigen Tagen nach der Residenz gefahren war und erst morgen oder übermorgen zurückerwartet wurde. – Als er aber – auf dem breiteren Weg war er völlig in Sicht des Hauses gewesen und mußte auch von dort aus gesehen sein – um ein dichtes Bosquet herumritt und nun gerade auf die steinerne Treppe zu hielt, sah er, daß die Damen von der Terrasse verschwunden waren, und nur der Comthur stand dort und schien ihn zu erwarten.

Das fiel ihm allerdings schon auf, aber wer wußte denn, was die Gesellschaft plötzlich konnte in den Saal gelockt haben; er überlegte wenigstens nicht lange, sprang aus dem Sattel, warf seinem Reitknecht die Zügel zu, und stieg die breiten niederen Granitstufen hinauf.

»Schon wieder aus der Residenz zurück?« rief er dem alten Herrn freundlich zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte – »das ist brav von Ihnen. Wo finden Sie auch dort ein Plätzchen, so lieb und heimlich wie die Enkelburg.«

Der alte Herr nahm die dargebotene Hand, aber er schien befangen. Es war etwas vorgefallen, von Benner sah das auf den ersten Blick, aber konnte er selber damit in Verbindung stehen? – unmöglich.

»Allerdings,« sagte der Comthur, aber einsylbig – »es ist sehr freundlich hier.«

»Und wo sind die Damen? ich dächte doch, ich hätte sie vorhin auf der Terrasse gesehen. –«