»Denke Dir sie in Bauerkleidern – einfach und schüchtern.«
»Und die Frau hättest Du verlassen?« sagte die Schwester kopfschüttelnd – »Deine Phantasie führt Dich jetzt irre.«
»Ich gebe Dir mein Wort!« rief der Bruder erregt – »jeder Zug ihres lieben Gesichts ist derselbe, und doch auch wieder anders – schöner vielleicht, charaktervoller, aber das Liebe und Gute in ihren Zügen, die Grübchen – die Lippen – die Stimme selbst – ich habe ihr wie ein Schulknabe gegenüber gestanden –«
»Und auch ihre Stimme?«
»Wenn sie spricht, genau; nur der Gesang ist viel klangvoller, und diese französischen und italienischen Romanzen sind meinem Ohr fremd. Wenn sie nur einmal ein deutsches Lied singen wollte.«
»Ich werde sie bitten,« sagte Alexandrine rasch von ihm fort und zu der jungen Dame tretend – »Ach, liebe Frau von Ostenburg,« wandte sie sich an diese – »mein Bruder dort, ein entsetzlich schüchterner Mensch, wie sie sehen, aber leidenschaftlich für Musik eingenommen, hat noch eine große Bitte an Sie!«
»Und womit kann ich ihm dienen?« lächelte die junge Frau.
»Er bittet um ein ganz kleines, kleines – aber deutsches Lied – Sie dürfen ihm aber nicht böse deshalb sein.«
Frau von Ostenburgs Blick haftete fest, fast wehmüthig einen Moment auf Eduards Zügen – »Gern,« flüsterte sie dann, wandte sich ab und trat wieder zum Instrument. Aber eine ganz eigene Bewegung schien sich auch ihrer jetzt bemächtigt zu haben. Ihr Busen hob sich stürmisch – ihre Finger berührten in weichen, klagenden Akkorden die Tasten und zwei Mal war es, als ob sie ansetzen wolle, und immer noch kam kein Ton über ihre Lippen.
Eduard stand am Tisch. Der Blick der Fremden war ihm durch Mark und Seele gedrungen, das Herz schlug ihm fast hörbar in der Brust.