»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,« wandte aber die Frau ein; »sonst bekommen wir nachher Confusion. So ists recht – danke Ihnen Madamchen; nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir Ihnen nicht helfen können« und in der alten Weise die Karten auslegend, bedeckte Sie mit ihnen den Tisch, schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge erstaunt, langsam mit dem Kopf.

Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, aber das Herz schlug ihr dabei so fieberhaft, die Brust war ihr so beengt, sie hätte jetzt Gott weiß was darum gegeben, nur von hier fort zu sein.

»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich hin, indem sie die Karten prüfend betrachtete und immer stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das ist ja eine ganz wunderliche Geschichte – da geht Ihr Lebensfaden so glatt durch das halbe Spiel, und da kommt auf einmal ein fremder Mann mit einem grauen Rock dazwischen –.«

Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl heben, aber sie vermochte es nicht – willenlos brach sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem Schrecken, daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im Stande war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline behielt auch in der That nur eben noch Zeit zuzuspringen und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar von ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht ohnmächtig; es schien nur als ob eine plötzliche Schwäche über sie gekommen sei und sie bat mit leiser Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie sich etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder darauf, daß sie des Schuhmachers Wohnung augenblicklich verließen – machte sie sich doch längst schon insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet zu haben, sie hier herauf zu begleiten.

»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?« frug sie leise, indem sie ihren Arm um Augusten legte.

»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich ohne Hülfe aufrichtete – »komm fort – mir ist es als wenn ich hier sterben müßte.«

»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie dabei Augusten umfaßt hielt.

»Aber beste Frau Hofräthin.«

»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache ich Sie dafür verantwortlich,« rief die kleine Frau heftig. – »Nehmen Sie Ihr Licht, rasch!«

Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja drohenden Ton, daß die bis dahin noch so feierliche Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie griff auch rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem geleerten Suppennapf neben sich, noch an den letzten Versen seines endlosen Liedes brüllte, schritten die beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst draußen auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische Luft schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen die Freundinnen in die untere Wohnung, wo sich die Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.