Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:

»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten hat?«

»Ja,« hauchte Auguste – »aber nicht heute – nicht jetzt Pauline – ich bin schon überdies zu aufgeregt, und fürchte, daß – daß es noch mehr der Fall sein würde, wenn ich – jene wunderliche Erscheinung frisch herauf beschwören wollte. Morgen – morgen früh, wenn die Sonne scheint und alles licht und hell um uns ist – nicht jetzt – nicht jetzt.«

»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar nicht daran dachte sie jetzt zu drängen – »bis morgen kann ich Dir dann auch vielleicht von mir Auskunft geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere Leute.«

Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur schweigend mit dem Kopf und Pauline fühlte, daß sie ihr keinen größeren Gefallen thun konnte, als sie jetzt allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin und her darüber, was der sonst so ruhigen Freundin geschehen sein müsse, um sie in eine so überreizte Stimmung zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß die albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich einen Einfluß auf sie ausgeübt haben sollten. Doch das gedachte sie morgen Alles herauszubekommen – heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.

Fünftes Capitel.
Die böse Nacht.

Als der Justizrath an diesem Abend um neun Uhr nach Hause kam, war seine Frau schon zu Bett gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. Als Bertling hinüber ging, schlief Auguste und er trat noch in sein Arbeitszimmer, um die heute eingelaufene Correspondenz zu lesen und zu beantworten – hatte er doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.

Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein Lager suchte und die Frau schlief noch immer, aber unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm und öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich darauf wieder still und ruhig. Sie hatte das in der letzten Zeit öfter gethan, auch wohl gesprochen, aber immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling beunruhigte sich also nicht weiter darüber. Unwillkürlich fiel ihm aber doch wieder jener wunderliche und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den er bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. War nicht die ganze Polizei nach dem Mann im grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die entfernteste Spur zu kommen? und schien es nicht fast, als ob er die Stadt in gerade so räthselhafter Weise verlassen hätte, wie damals Bertlings eigenes Zimmer?

Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein Lager und war bald, von den vielen Arbeiten dieses Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. – Seiner Meinung nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen haben, als er seinen Namen rufen hörte:

»Theodor! – Theodor!«